You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Nach zweijähriger pandemiebedingter Einschränkung sozialer Kontakte konnte das Symposion zur Freude der Teilnehmenden wieder in der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) stattfinden. Von den 125 Teilnehmenden nutzte etwa ein Drittel die Online-Option der diesjährigen hybriden Durchführung.
Nach der Begrüßung durch den Präsidenten der IPU Jan-Hendrik Olbertz hielt der geladene Ehrengast Dagmar Herzog (New York), Professorin für Geschichte, den Eröffnungsvortrag »Als die Psychoanalyse zurück nach Deutschland kam: Alexander Mitscherlich, die Neue Linke und der Streit um den »Aggressionstrieb««. In ihrem dichten und vielschichtigen Vortrag führte Herzog ihre ausführliche Recherche zum öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskurs um die Frage nach der Natur des Menschen im Nachkriegsdeutschland aus. Anhand verschiedener Autoren und Schriften zeigte Herzog die damalige kontroverse Debatte auf, die hauptsächlich um die Frage rang, ob die menschliche Aggression konstitutionell verankert ist oder nicht, und die mit dem Thema der Schuld und dem Versuch der Begründung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Verbindung stand. Herzog vertrat die These, wonach hauptsächlich Konrad Lorenzers Aggressionsforschung in den 1960er-Jahren zur Rückkehr der Psychoanalyse in das postnationalsozialistische Deutschland beigetragen und zur Neudiskussion der Frage, ob Aggression ein »Trieb« sei, und damit zur Neuverortung der freudschen Todestrieb-These geführt hat.
Die Seniorprofessorin der IPU Lilli Gast (Berlin) würdigte die detaillierte historische Recherche und Analyse von Herzog und hob in ihrem Ko-Referat einen Aspekt besonders hervor, nämlich den in Herzogs Ausführungen beschriebenen Subtext. Gast explizierte, dass die Debatte um die menschliche Natur im Dienste zweier Wünsche stand, nämlich einerseits die schrecklichen Gräueltaten zu verstehen, und andererseits diese mit einem angeborenen, unabwendbar sich entladenden menschlichen Aggressionstrieb zu entschuldigen.