You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Cold War Freud«, so beginnt die Einleitung dieses Buches, »befasst sich mit den Begegnungen freudianischer Theorien über Begehren, Angst, Aggression, Schuld, Trauma und Lust - also über die Natur des menschlichen Selbst und seiner Motivationen - mit den unheilvollen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und der Folgezeit. Oft wird die Psychoanalyse in ihrer Sicht auf die menschliche Natur für ahistorisch gehalten, doch das Gegenteil ist der Fall« (S. 7). Sowohl die Aufarbeitung erlittener wie zugefügter traumatischer Ereignisse als auch die Bestrebungen für gesellschaftliche Gerechtigkeit für Unterdrückte - erwähnt seien die weltweite Dekolonisation und sexuelle Umbrüche mit dem Aufstieg der Frauen- und Homosexuellenbewegung - benutzen psychoanalytische Konzepte und profitieren von ihnen, was lange Zeit von vielen Vertreterinnen und Vertretern der etablierten Psychoanalyse skeptisch beurteilt und bekämpft wurde.
Die großen Kapitelüberschriften (»Die Welt draußen lassen«, »Erbschaften des Nationalsozialismus«, »Freud radikal«) führen wie auch die Unterkapiteltitel (z.B. »Die Libidokriege«, »Ethnopsychoanalyse in Zeiten der Dekolonisierung«) in fundierte Analysen der Konflikte zwischen gesellschaftlicher Anpassung und humanistischen Ansprüchen in der Psychoanalyse. Während des Zweiten Weltkrieges betonten »Neofreudianer« wie Karen Horney und Erich Fromm auf der Grundlage der Darstellung damals hoch aktueller existenzieller Ängste die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Zwängen, zwischenmenschlichen Beziehungen und innerpsychischen Dynamiken, durchaus als Gegengewicht zu einer traditionellen Triebpsychologie. In der US-amerikanischen Gesellschaft der Vorkriegs- und Kriegszeit war die »Neoanalyse« ein relevanter Teil des gesellschaftlichen Diskurses.
Auf dem ersten IPV-Kongress nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 in Zürich forderte der damalige IPV-Präsident Ernest Jones demgegenüber dezidiert, dem »Einfluss soziologischer Faktoren aus dem Weg zu gehen« und sich ausschlie