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Wien, Berggasse 19, 2026 – Täglich informieren negative Schlagzeilen über autokratische Regierungspraktiken, Krieg und Erpressung. Die Zuspitzung der aktuellen Verhältnisse veranlasst mich nun, von einem Brief-Fund zu berichten, der angesichts der Synchronizität der Ereignisse erstaunt: einerseits das unvermutete Auftauchen eines Briefes von Sigmund Freud aus dem Jahr 1929 an Richard Coudenhove-Kalergi, den Begründer der Pan-Europaunion, – andererseits die aktuelle Polarisierung in Gesellschaft und Politik. Führen wir uns die inhaltlichen Dimensionen des Schreibens vor Augen, das sich heute in den Archives Cantonales Vaudoises befindet, so muss uns Freuds Mitteilung besonders gegenwartsnah erscheinen:
1. Nov. 1929
PROF. Dr. FREUD WIEN, IX, BERGGASSE 19
Verehrter Herr
halten Sie es für wahrscheinlich, daß ich einen von Ihnen ausgesprochenen Wunsch nicht erfülle, wenn ich es kann und es mich so wenig Opfer kostet?
Ihre Idee eines geeinten Europa hat mir nicht mehr Ruhe gelassen, seitdem ich zuerst von ihr gehört habe, ganz abgesehen von meiner Sicherheit, daß ich ihre Verwirklichung nicht erleben werde und meinem Zweifel, ob ein anderer der gegenwärtigen Erdbewohner es damit besser haben wird. Oft, wenn ich an Sie denke, kom[m]en mir die Worte der Manto aus der klassischen Walpurgisnacht in den Sinn:
»Den lieb´ ich, der Unmögliches begehrt«.
Aber das eignet sich nicht zur Propaganda. Und für die
tauge ich doch überhaupt nicht.
Wenn Sie meine nächste Brochüre »Das Unbehagen in der Kultur« lesen werden, nehmen Sie an, daß die Erwartung, in die der letzte Satz ausklingt, sich auf Ihr Paneuropa bezieht.