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Das Wesen der Neurose begreifen, heißt das Leben selbst in seinem innersten Wesen begreifen. Zu Eingang dieser Untersuchung sei an die Bemerkung erinnert, die Freud in einer seiner späten Arbeiten „Hemmung, Symptom und Angst“ (), skeptisch auf sein Lebenswerk zurückblickend, gemacht hat: „Wir finden uns unversehens wieder vor der so oft gestellten Vexierfrage, woher kommt die Neurose, was ist ihr letztes, das ihr besondere Motiv? Nach jahrzehntelangen analytischen Bemühungen erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet wie zu Anfang.“ Dieser Satz zwingt zur Bescheidenheit. Da alle Aussagen über neurotische Strukturen von persönlichen Schicksalen abgeleitet sind, und da, trotz mancher Gemeinsamkeiten und typischer Verläufe, das Bild der Neurose so vielgestaltig ist wie die bunte Mannigfaltigkeit der menschlichen Charaktere selber, so kann im besten Fall nur ein Aspekt des Problems gegeben werden, der noch dazu bei aller Treue der Auffassung des Krankheitsbildes vom Standpunkt des Betrachters weitgehend abhängig ist. So bleibt jede Aussage über die Neurose subjektiv gefärbt und entzieht sich durch diesen eigentümlichen Charakter sowohl des Gegenstandes wie des auffassenden Mediums bis zu einem gewissen Grade den Forderungen nach objektiv wissenschaftlicher Gültigkeit. Trotzdem muß es immer wieder gewagt werden, das Problem von der Tiefe her aufzurollen, wenn anders die junge Wissenschaft der Psychotherapie in ihrer Lebendigkeit erhalten bleiben, wenn sie der Gefahr doktrinärer Meinungsbildung entgehen und die Impulse weitertragen soll, die ihr durch ihre Schöpfer, insbesondere durch Freud zu Beginn verliehen wurden.
Eine zuverlässige Auffassung der Neurose ist ohne philosophische Verständigung nicht möglich. Denn der Hintergrund neurotischen Geschehens ist metaphysischer Natur und niemals von der Basis nur psychologischer Wissenschaft aus allein zu ergründen. Daher bewegt sich jede solche Untersuchung auf unsicherem Boden, muß Irrtümer und Verzeichnungen in Kauf nehm