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Der Psychotherapeut gewinnt seine Erkenntnisse nicht allein in der Sprechstunde an den Problemen, die den ringenden Menschen der Gegenwart bewegen. Die Geschichte und die Kunst eröffnen ihm in gleicher Weise Einblicke in die Erlebnisse der Seele, in ihre positiven Möglichkeiten wie in ihre' Irrwege. Die Geschichte ist der Niederschlag des Ringens der Seele, eich auf dieser Erde zu realisieren. Sic stellt an Umfang und Variationen eine unaus-schöpfliche Fülle konkretisierten seelischen Lebens dar. Die Kunst wiederum eröffnet im Als-ob lebbare Möglichkeiten, abgewandelt nach Temperament und Lebensauffassung, nach Zeitstil und Aufgaben der Epoche des-Künstlers. Von ganz besonderem Reiz aber ist es für den Psychologen, wenn differenziertes Leben in Geschichte und Kunst ineinandergreifen.
Das ist der Fall in dem autobiographischen Roman „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz, der als Professor für Ästhetik in Rerlin 1793 im Alter von siebenunddreißig Jahren an Tuberkulose starb.
Das Buch steht in der Linie religiöser Selbstzeugnisse und zeigt den scharfen Rlick, den religiöse Innenschau, das Bedürfnis nach Klärung und Klarheit nach verantwortlicher Lebensführung geben. Es gehört zu einer Lite raturgattung, die im Abendland Augustins Bekenntnisse eröffnen. Aber welch anderen Geist atmen Augustins Konfessionen: diese sind die Hymne einer im innern Kampf harmonisch gewordenen Seele, ein dankbares Hin- strömen zu Gott aus fülliger seelischer Gerundetheit und ausgeglichener Frömmigkeit. Vom religiösen Grundakkord her wird der äußere Lebensweg nebensächlich und ist nur der oft kaum noch sichtbare Rahmen der Dar- Stellung der religiösen Innerlichkeit. Die orkangleiche Wucht des Augusti-nischen Temperaments, die Kraft seiner dominierenden schöpferischen Persönlichkeit, die Souveränität bewußter, und harter Lebensentscheidung und der Lebensstil der großen Welt geben dem Werk eine einmalige Größe.
Moritz hingegen ist ein „Halbvollendeter“2); er steht mitten in der Gequält- heit eines