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Gerti kam mit elf Jahren, zehn Monaten, zu mir in Behandlung. Sie ist für ihr Alter körperlich schon weit entwickelt, sieht gesund und kräftig aus vielleicht ein bißchen aufgeschwemmt. Sie hat schwarze Haare, trägt zwei lange Zöpfe; auffallend sind in ihrem länglichen Gesicht die tief eingebetteten, graugrünen Augen. Merkwürdigerweise erscheint der Blick meist nach innen gerichtet, so, als sehe sie nicht in die Welt, sondern in sich selbst hinein. Sie macht einen scheuen, gehetzten und ängstlichen Eindruck.
Sie ist die jüngere von zwei Schwestern, die Ältere ist sechzehn Jahre alt, ganz gesund und normal. Beide sind völlig verschieden und wollen möglichst wenig miteinander zu tun haben. Der Vater, der in Friedenszeiten ein wohlhabender Fabrikdirektor war, wurde 1940 Soldat und ist noch immer in Kriegsgefangenschaft. Gerti lebte mit Mutter und Schwester während desKrieges in einem kleinen Dorf im Allgäu, von wo sie im Herbst 1945 nach Stuttgart zurückkehrten, und wohnt jetzt zusammen mit dem über achtzig Jahre alten Vater der Mutter, deren Bruder und zwei Hausgehilfinnen, zwischen Ruinen in sehr zerstörter Stadtgegend.
Nach dem Bericht der Mutter war Gerti schon als Baby lebhaft, unruhig, schrie nachts viel. Sie war intelligent und findig, schon mit anderthalb Jahren konnte sie im Bettchen aufstehen und den Lichtschalter selbständig anknipsen. Mit zwei Jahren machte sie eine vereiterte Mittelohrentzündung durch, seither ist sie verändert und schwierig. Manche Ärzte denken an die Möglichkeit einer unbeachtet gebliebenen Hirnhautentzündung. Sie hatte die ticartige Angewohnheit, sich im Bett derartig hin- und herzuschaukeln und den Kopf in die Kissen zu stoßen, daß ihr die Haare ausfielen. Körperlich entwickelte sie sich gut, war aber im Kindergartenalter außerordentlich heftig und jähzornig. Wenn sie sich ärgerte, rief sie „Teufi, Teufi!“ zerbrach oder zerriß, was sie gerade in der Hand hatte. Im Alter von sechs Jahren wurde sie von der Schule zurückgestellt