You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Einem oberflächlichen Betrachter mag die tiefenpsychologische Heilkunde als eine letzte und äußerste Knospe an dem weitverzweigten Geäste der modernen Medizin erscheinen. In Wirklichkeit jedoch ist sie ihrem ganzen wesentlichen Gehalt nach recht eigentlich geschichtlicher Stamm und Mutterboden aller Therapie. Nicht nur allen Medizinmännern der sogenannten Primitiven nämlich galten die Krankheiten schlechthin als geist- oder geisterbedingte Erscheinungen, auch noch im alten Griechenland, bei den großen Lehrmeistern unserer westlichen Kultur, lag ursprünglich die Krankenbehandlung ganz in den Händen von Priesterärzten, die erstaunlich viel über die „Tiefe“ der menschlichen Seele wußten.
Erst Hippokrates und seine Schule schräkten den ärztlichen Blick mehr und mehr auf die Materie des menschlichen Körperbereiches ein. Der menschliche Leib wurde im wörtlichsten Sinne zum naturwissenschaftlichen Gegenstand, zu dem dem Forscher fremd Gegenübergestellten, zum Objekt ärztlicher Betreuung. Immerhin schwang noch zweitausend Jahre lang recht vernehmlich die ungegenständlich aristotelische Auffassung von der Seele als Entelechie des Körpers mit, bis dann mit dem Anbruch der Neuzeit Descartes die Einheit der menschlichen Welt radikal auseinanderriß. Ganz schroff zerteilte er die Welt in eine res extensa und eine res cogitans, in das Körperhafte also, das den Raum auszufüllen und sich darin auszudehnen hatte, und in das ganz Andere, das Geistding, das Subjekt, dessen Aufgabe und Wesen das „Denken“ war.