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Die Realität des Geschlechtes liegt in den großen dynamischen Erschütterungen der Seele, und als solche sollte es erlebt werden: als die schöpferisch-entscheidende Erschließung der Seele.
Das Geschlechtliche wird von Grund aus mißverstanden, wenn man es vom Einzelmenschen aus begreifen will. Wenn man also etwa — wie in der biologischen und psychologischen Trieblehre — vom sogenannten Geschlechtstrieb ausgeht, der den einzelnen bestimme, sich einen ihm mehr oder minder individuell entsprechenden „Triebgegenstand“ zu suchen, und der auf diese Weise zu einem andern Menschen Beziehung begründe und herstelle. Das Geschlechtliche ist jedoch nicht vom Geschlechtstrieb aus zu verstehen, sondern umgekehrt: der Geschlechtstrieb vom Geschlechtlichen aus. Das Geschlechtliche ist nämlich nicht eine eigenständige Kraft, Anlage oder Eigenschaft des Individuums, sondern eine Wirkmacht, die zwischen zwei Menschen, in der Begegnung, aufbricht, zwischen ihnen west und lebt. Dabei ergreift sie freilich jeden Partner auch besonders und in eigner Art. Das Geschlechtliche tritt allererst auf, wenn der subjektive Trieb, der in sich richtungslos schweifend, gestaltlos und dunkel ist, durch die Begegnung mit einer bestimmten Person des andern Geschlechts verwandelt wird in das Verlangen, mit eben diesem Menschen „Leibesgemeinschaft“ zu haben. Wohlverstanden: Leibesgemeinschaft, nicht Körpergemeinschaft. Denn der menschliche Leib ist ein Ganzheitliches, er ist individuell beseelter Körper.