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Meine Damen und Herren! Ich versuche Ihnen in dieser Vorlesung Kranke aus der Medizinischen Klinik zu zeigen. Was heißt das: „zeigen“? Das ist offenbar nur gelungen, wenn Sie das Bild der Kranken, die Sie sehen, später behalten. Hier muß eine Schwierigkeit unseres klinischen Unterrichtes liegen. Aus meiner eigenen Studienzeit erinnere ich mich an viele Lehrer, aber nur an wenige Kranke, und das kann nicht richtig sein; ich möchte haben, daß Sie sich später weniger an mich, als an bestimmte Kranke erinnern.
Das Übergewicht der Lehrer im Gedächtnis hängt zusammen mit dem Vorwalten der Lehre in unseren Köpfen und des Lernens in unserer Arbeit. Auch dies hat seinen Grund. Die vorzüglichste Leistung der Neuzeit war wahrscheinlich die Wissenschaft, nicht die Tätigkeit des Menschen. Die moderne Wissenschaft nun beginnt, wie Descartes dies an ihrem Eingang ausspricht, mit dem Zweifel. Das Handeln dagegen hebt an mit der Ungewißheit. Das ist ein Unterschied, der im Arzte bestimmte Folgen hat. Der moderne Arzt stützt sich auf Wissenschaft; aber vor der Krankheit bekommt er es nicht nur mit dem diagnostischen Zweifel, sondern mit der Ungewißheit des Verlaufs zu tun. Die Diagnose erklärt, aber die Therapie soll entscheiden.
Nun soll die Wissenschaft sich auf Beobachtung und Erfahrung stützen, um rechtes Handeln, richtige Voraussicht vorzubereiten. Aber auch da mischt sich ein falscher Ton ein; zum Beispiel so: Descartes Zweifel führt zu Kants Kritik. Indem Kant zweifelt, kommt er zu der Überzeugung, das Ding an sich, „wie es an ihm selbst ist“, sei unerkennbar. Wir haben nur Erscheinungen, und es gehört wiederholte Erfahrung und einwandfreies Denken dazu, ein Ereignis vorauszusehen. Die Voraussicht hat nur einige Wahrscheinlichkeit für sich, und ein Chirurge oder Chemotherapeut drückt dies so aus, daß er zum Beispiel sagt, eine bestimmte Methode bringe in sechzig Prozent der Fälle Heilung. Wie aber nun, wenn ich gerade unter den unglücklichen vier