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Die moderne Medizin ist von dem Ideal beseelt gewesen, die Krankheit als einen materiellen Prozeß aufzufassen, der lokalisierbar und ohne Schaden für den Gesamtorganismus durch einen materiellen Eingriff zu beeinflussen und zu heilen wäre. Das galt auch für jene Krankheiten, die man weiterhin als Geisteskrankheiten bezeichnete, obschon es gerade darauf ankam, nachzuweisen, daß nicht der Geist, sondern das Gehirn der eigentliche Ort der Krankheit sei und daß nur eine direkte Einwirkung auf die Nervenzellen eine entscheidende Änderung des krankhaften Prozesses herbeiführen könne. Es scheint, als ob die deutsche Psychiatrie mit besonderer Hartnäckigkeit an dieser Krankheitsauffassung festhielt, weil sie sich nicht von einer reaktiven Skepsis gegenüber dem Psychismus der Romantik freimachen konnte. Aber es zeigte sich, daß die Überzeugung vom Primat des Materiellen in der Krankheit der Wirklichkeit ebensowenig gerecht wird, wie der Glaube an den Primat des Psychischen. Wenn Virchow vor 100 Jahren betonen konnte, daß den kranken Bauern im Spessart nicht durch Gebete, sondern durch Besserung der sanitären Verhältnisse zu helfen sei, so steht der heutige Arzt vor dem großen Heer der Kranken, bei denen weder Operationsmesser noch Kanalisation den Grund der Krankheit erreichen. Die Bedeutung des Psychischen für die Krankheiten, und zwar die organischen, wird in einem ganz neuen Lichte gesehen. Es handelt sich aber nicht um einen Rückfall in neuromantische Vorstellungen, sondern es bahnt sich eine Kritik der Grundlagen an. Man sieht ein, daß beide, der einseitige Psychismus wie der einseitige Somatizismus dem gleichen Fehler verfallen. Beide wenden den Funktionsbegriff der Mathematik, der die gesetzmäßige Abhängigkeit einer Variabeln von einer anderen innerhalb eines homologen Systems ausdrückt, auf das Verhältnis der völlig heterologen Sphären des Somatischen und Psychischen zueinander an. Aber das Soma ist nicht eine Funktion der Psyche, ebensowenig wie die Psyche eine des