You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die wissenschaftlichen Bemühungen der Psychiatrie wie die der Tiefenpsychologie gelten — wenigstens zu einem gewissen Teil — den gleichen Krankheitserscheinungen. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es zu erheblichen Differenzen in Begriffsabgrenzung, Definition und Erklärung identischer klinischer Bilder gekommen ist.
Die Psychoanalyse hat vor etwas mehr als fünfzig Jahren den Begriff der Neurose aufgegriffen und gebraucht ihn heute als Kennwort für die Erkrankungen, denen ihr spezielles Interesse gilt. Diese gleichen Erkrankungen werden nach dem zur Zeit in Deutschland üblichen Diagnosenschema im wesentlichen unter den Kennworten: „abnorme oder psychogene Reaktionen“ sowie „psychopathische Persönlichkeiten“ oder „psychopathische Jugendliche“ abgehandelt.
Daß wir uns die Aufgabe gestellt haben, die beiden Begriffe Psychopathie und Neurose miteinander zu vergleichen, hat einen bestimmten Hintergrund. Wir kommen nämlich erstens mit der Diskussion dieser beiden Begriffe in die Lage, Krankheitsbilder unter verschiedenen Gesichtspunkten miteinander zu vergleichen. Zweitens sind wir damit jedoch auch gezwungen, die Arbeitshypothesen gegeneinander abzugrenzen, die von den verschiedenen Wissenschaftlern zur Erklärung der fraglichen Krankheitsvorgänge entwickelt wurden. Das bedeutet für unsere weitere Arbeit einen wesentlichen und fruchtbaren Motor. Vermögen wir doch am Begriff der Psychopathie und am Begriff der Neurose die wichtigsten grundsätzlichen Probleme zu diskutieren, die in der bisherigen wissenschaftlichen Entwicklung eine gewisse Gegensätzlichkeit zwischen klinischer Psychiatrie und Tiefenpsychologie bedingten. Gleichzeitig können wir damit den Versuch unternehmen, das bisher erarbeitete Wissensgut aus den verschiedenen Bereichen für beide Disziplinen fruchtbar zu machen.
Wir hätten im ersten Teil zu referieren, was der Begriff der psychopathischen Persönlichkeit in der Psychiatrie bedeutet. Das heißt, wir hätten darzustellen, welche Tatbestände intere