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Das Buch des Züricher Romanisten Reto Bezzola über Chrétien de Troyes vermittelt ein so lebendiges Bild vom Menschen des 12. Jahrhunderts, also eigentlich vom ersten Entwurf des europäischen Menschen, daß diese Arbeit weit über ihre philologischen Einzelergebnisse hinaus unser Interesse verdient.
Den Ausführungen liegt zugrunde eine Analyse des frühesten ganz erhaltenen Versromans von Chrétien de Troyes: «Erec et Enide». Dieser wohl erste europäische Roman ist thematisch schon ein Vorläufer der großen europäischen Romane überhaupt. Sein Vorwurf ist der Mensch auf der Sache nach sich selbst und nach seinem Ort in der Gesellschaft. Nach heutigem Sprachgebrauch ist dieser roman d'aventure eher ein Entwicklungs- oder Bildungsroman als ein Abenteuerroman. Die aventures — also das, was dem Helden begegnet — sind in äußeren Ereignissen dargestellte Stufen der Entwicklung. Dem eingeweihten Hörer oder Leser des. Mittelalters waren sie ihrem Sinn nach erfaßbar, während dem Laien nur die Fabel zugänglich blieb. Wohl sind die einzelnen Episoden und Elemente der Fabel kaum je Erfindung des Dichters. sondern stammen aus der antiken Überlieferung und dem Sagengut jener Zeit. Ihrer Anordnung aber liegt ein Plan und eine bewußte erzieherische Absicht zugrunde, die von der höfischen Gesellschaft nicht nur verstanden, sondern weitgehend mitgeslallet wurde. Wenn also die «aventures» Sinnbilder der inneren Entwicklung darstellen, so ist «amour» die Kraft, die den Helden treibt, sich zu vervollkommnen und die Abenteuer der Selbst werdung zu bestehen. Daraus ergibt sich die zentrale Bedeutung der Begriffe amour und aventure in der poésie-courtoise, nicht als auflösbare Allegorien, sondern als Symbole, die zugleich in der Realität sind, was sie aussagen, und hinweisen auf eine Bedeutung, eine Entsprechung auf einer andern Ebene.
Das Verständnis für dieses symbolhafte Denken des Mittelalters ist die Voraussetzung für jedes Verständnis mittelalterlicher Kunst. Wohl äußert sich die Erfahrung