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Es ist eine merkwürdige, aber nicht zu bestreitende Tatsache, daß der Gedanke an die Beteiligung komplexerer Faktoren bei der Pathogenese, dar sich für eine große Anzahl von Krankheiten mehr und mehr durchzusetzen beginnt, in einem Gebiet der Krankheitslehre praktisch noch nicht aufgetaucht ist, in dem Bereich der Infektionskrankheiten. Der Grund dafür ist indes leicht einzusehen. Scheint doch bei der Infektionskrankheit die Ätiologie so eindeutig durch den Erreger bestimmt zu sein, daß das Bedürfnis nach der Aufdeckung anderer pathogener Momente nicht aufkam. Die Erforschung der Krankheit bestand in der Aufklärung der Lebensbedingungen der Mikroben, und die aus dieser Forschungsrichtung erwachsene Sero- und Chemotherapie bestätigten diese Auffassung der Pathogenese weitgehend.
Aber der Arzt, der täglich die Wirklichkeit am Krankenbett erlebt, erkennt, daß der Erreger zwar eine unerläßliche Bedingung für das Zustandekommen einer Infektionskrankheit ist, daß er aber nicht die einzige und nicht die zureichende Bedingung darstellt. Um der wirklichen Entstehung eines infektiösen Krankheitsprozesses gerecht zu werden, bedarf es der Heranziehung weiterer, determinierender Faktoren. Man muß häufig zu Hypothesen und Extrapolationen von Laboratoriumsbeobachtungen seine Zuflucht nehmen. Aber dann verläßt man leicht den Boden klinischer Erfahrung, und man gewinnt zudem meist keine Handhabe für die Klärung des jeweils vorliegenden Einzelfalles. Die Medizin ist jedoch — und das ist ein Geschenk der Neuzeit, das wir nicht mehr missen wollen — eine empirische Wissenschaft, und wir sind mit Kant der Meinung, daß alle Erkenntnis mit der Erfahrung anfange. So seien denn unter diesem Gesichtspunkt, dem des Primates der Erfahrung, das heißt unter Berücksichtigung alles dessen, was an einem, von einem und über einen Patienten zu erfahren ist, vier Kranke vorges'ellt, die an einer Lungentuberkulose leiden. Es soll dabei der Frage der Entstehung der Tuberkulose so weit nachgegangen werden,