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Das Leben läuft in „Vitaldifferenzen“ ab (Avenarius). Es stellt Ansprüche an den Menschen, die er erfüllen soll, aus „Möglichkeiten“ (Kierkegaard, Jaspers) soll Wirklichkeit werden. Ob solche Möglichkeiten realisiert werden, hängt von der seelischenVorbereitung ab, die ein Mensch in die Situation mitbringt, die ihn zur Tat aufruft. Das Leben selbst ist jeweils der „Sprung“ (Kierkegaard), der vollzogen werden muß, um schöpferisch aus der Gegenwart die Zukunft entstehen zu lassen. Um ein Neues zu schaffen, bedarf es einer längeren Linie, in der der Mensch die inneren und äußeren Vorbereitungen zum nächsten Schritt erworben hat; unmittelbar vor dem „Sprung“, der produktiv das Alte mit dem Neuen zu einer Einheit verbindet, ist ein gewisses Wägen und Abwägen normal. Wird dagegen dieser „Augenblick“ nicht zum „Kairós“, sondern tritt ein Stocken ein, so wird aus dem Abwägen die „Zögernde Attitüde“ (Alfred Adler), das heißt eine Neurose wird manifest. Künkel bezeichnete diesen Zustand als Psychosklerose. Dem gegenüber steht eine lytische Möglichkeit: der Mensch scheut das kritische Abwägen und stürzt sich Hals über Kopf in das Neue. Damit wären zwei Pole der Formen der Neurose gekennzeichnet.
Diese grundsätzliche Haltung zum Leben, in ihrer Abweichung als Neurose in Erscheinung tretend, ist zeitlos und eignet als Struktur der Neurose zu allen Zeiten. Trotzdem aber ist das Bild der Neurose auch zeitbestimmt. Es gibt zu jeder Zeit spezifische Konfliktstoffe, die Neurosen auslösen. Aber eben nur auslösen. Es kommt auf die Vorbereitung an, die ein Mensch mitbringt. Und eben von dieser Vorbereitung hängt es ab, ob er die Konfliktstoffe einer Zeit produktiv oder negativ, das heißt mit einer Neurose, beantwortet.
Das gilt heute besonders für das Problem der Mutter. Es wird im Krieg dadurch besonders bestimmt, daß sie es ist, die, mehr als der Vater, an dem Verlust der Söhne leidet. Sehr viele Frauen können heute den Verlust eines oder mehrerer Söhne nicht verarbeiten und werde