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Dies Buch ist — bei aller Schmalheit seines Umfangs — eine Grundlagenschrift für die Psychotherapie, weil sie, je weiter sie fortschreitet, sich immer deutlicher mit dem Problem der Selbstrealisation verknüpft sieht. Trotzdem ist die eigentümliche Problematik der Selbstverwirklichung bisher kaum umfassend vergegenwärtigt worden: wenn Psychotherapie Selbstverwirklichung fordert, so weiß sie nicht genügend, was sie da fordert, unter welchen Bedingungen, welchen Möglichkeiten des Erfolgs und der Niederlage sie da steht. Binswanger stellt in seiner Studie diese Fragen. Er stellt sie exakt, tiefgründig, lebensnah. Und er gibt bedeutende Antworten. Die Schrift ist so ein Dokument unserer geistigen Situation — als ein solches ruft sie zur Auseinandersetzung auf.
Was ist Selbstrealisierung, wie ist sie eingebettet in die Struktur des menschlichen Daseins, welcher Art sind die Gefahren, mit denen sie auf Grund ihres Wesens den Menschen bedroht?
“In seiner Lebensführung sich selbst realisieren, das ist, meine ich, das Höchste, was ein Mensch erreichen kann” — mit diesem Bekenntniswort Ibsens leitet Binswanger die Untersuchung ein. Der Ernst ist deshalb die Grundkategorie der Existenz — Halbheit, Kompromiß, Undurchsichtigkeit, Unwahrheit sind die Wurzeln alles Verfehlens des Lebenssinns. Was meint menschliche Produktivität? Nichts anderes als dies, daß der Mensch, auf welchen Wegen immer, die Ungelichtetheit seines Daseins durchleuchte, ins Klare schaffe, das Ungeformte seines Lebens in Gestalt verwandele. So wird das Ringen des Künstlers um die Form zum Paradigma aller existentiellen Bemühung, die in der Hingabe ans Andere — an das Du, an die Welt, an das Werk — das Chaos erlöst und das Selbst gerade in dieser Selbstvergessenheit zu seiner Mächtigkeit erhebt. Leben ist in dieser Sicht „Gerichtstag halten über sein eigenes Ich”: das Gewinnen oder Verfehlen der Selbstgestalt unter der Führung des Wirklichkeitsernstes bestimmt das Urteil im Gericht. Zu diesem Ernst gehört dann die