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Es gibt nicht viele literarhistorische Werke, an deren Gegenstand ihre Autoren einen so lebhaften, so leidenschaftlichen Anteil nehmen wie Walter Muschg an seiner „Tragischen Literaturgeschichte”. Das spürt der Leser; auch wenn überscharfe Urteile ihn befremden oder erregen, zieht ihn der Ernst der Gesinnung, der aus dem Buche spricht, in seinen Bann. Hier ist ein Temperament am Werke. Die Wissenschaftlichkeit bekundet sich nicht im Diskursiven, nicht im Führen von Beweisen. Gewiß fehlt es nicht an Belegen und Dokumentation; oft genug fühlt man sich bedrückt durch die Masse der Details. Aber diese Belege sind nicht Stoff für ein Demonstrieren, sondern Mittel der Evokation. Muschgs Eigenart ist das Schauen, seine Stärke das Veranschaulichen. Die zahllosen Einzelzüge, aus denen er ein Bild formt, sind nicht Glieder einer Gedankenreihe, sondern Striche einer Zeichnung, eine assoziative Intuition trägt sie zusammen. In den Typen, die er sieht, dem Zauberer, Seher, Priester, Sänger, Poeten, Bürger und Vaganten, sollen Urphänomene verlebendigt werden. (Wir werden sehen, daß der Anteil rationaler Konstruktion an diesen Typen größer ist, als es zunächst den Anschein hat.)
Die Sprache Muschgs ist ein Spiegel seines Temperaments. Die Sätze sind kurz; sie bauen sich nie zu Perioden auf und verschmähen — von Relativsätzen abgesehen — die Unterordnung. Die Anschaulichkeit dieses knappen parataktischen Sti geht nicht selten auf Kosten logischer Genauigkeit, im Großen wie im Kleinen. Charakteristisch ist etwa die