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Kretschmer, der der Konstitutionsforschung fruchtbarsten Antrieb gab, gebührt zugleich das Verdienst, als einer der ersten führenden Psychiater der aufkommenden psychoanalytischen Bewegung nicht mit der für die damalige Psychiatrie charakteristischen Ablehnung begegnet zu sein. — In seinen kürzlich erschienenen „Psychotherapeutischen Stadien“, die eine lockere, wenn auch unter einheitlichen Gesichtspunkten erfolgende Zusammenfassung teils älterer, teils neuerer Arbeiten darstellen, finden sich Formulierungen (wie zum Beispiel in dem ausgezeichneten 8. Kapitel: „Das Menschenbild in der Psychotherapie“), welche zeigen, wie weitgehend Kretschmer bereits die von der Psychoanalyse erarbeiteten Positionen assimiliert hat; anders ausgedrückt: wie selbstverständlich in der heutigen modernen Psychiatrie psychoanalytisches Denken und Empfinden bereits Heimatrecht gewonnen hat. Auch da, wo Kretschmer sich ausdrücklich von den Positionen Freuds (ebenso auch von denen Jungs und erst recht Adlers) absetzt, erfolgt dies in einer die Person und das Werk Freuds stets respektierenden Form, wobei der sachlichkritische Charakter der Konzeption Freuds gegenüber dem gewisser „Freud ianer“ besonders anerkannt wird.
Andrerseits zeigt Kretschmers Schrift in besonderer Klarheit die noch bestehenden Differenzen einer Psychotherapie psychiatrischer und analytischer Provenienz auf. Sind diese Differenzen gegründet auf objektiv differenten Fakten, wie sie mit dem Forschungsgegenstand selbst gegeben sind? Offensichtlich nicht. Denn der Forsehungs „gegenstand“ beider Richtungen ist der gleiche: der seelisch kranke Mensch. Selbst wenn wir berücksichtigen, daß der Patient des psychiatrischen Klinikers und der des praktizierenden Psychoanalytikers im Durchschnitt gewisse — sicher nicht zufällige — Unterschiede aufweisen werden, kann hieraus diese Differenz der Auffassungen nicht hinreichend erklärt werden. So bleibt nur die Möglichkeit einer Verschiedenheit in der Interpretation des — im wesentlichen