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Man sollte meinen, dieses Buch komme zur rechten Zeit. Alte Bindungen scheinen in unserem Zeitalter einer potenzierten Erkenntnis zerrissen, Moses' Gesetzestafeln zerbrochen zu sein; der Relativismus beherrscht in Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaftsleben, Politik und zwischenmenschlichem Verhalten offensichtlich das Feld, und wollen wir nicht im chaotischen Streit der Interessen zugrunde gehen, wird es Zeit, daß wir uns auf eine nicht künstlich vom Intellekt geschaffene und deshalb historisch bedingte, sondern vom zeugenden Leben getragene Ethik besinnen.
Des Verfassers Zugehörigkeit zur „Jung-Schule“ (die es trotz allem Sichsträuben des Erweckers offenbar gibt) läßt ihn in der Tiefenpsychologie die Methode sehen, eine „neue“ oder „totale“ Ethik aufzuspüren. Er versucht nachzuweisen, daß die „alte“ abendländische, zumeist aus jüdisch-christlichen und antikgriechischen Quellen gespeiste Ethik auf dem Gegensatzprinzip beruht: in einer Licht-Dunkel-Welt wird das „Böse“, „Niedere“ und so weiter zugunsten des „Guten“, „Höheren“ entweder unterdrückt oder verdrängt. Die Unterdrückung des „Schattens“ wird von einer ethischen Elite der Heiligen noch durch das bewußte „Leiden“ erkauft und dadurch unschädlich gemacht, während das Kollektiv oder später die „Masse“ nur zur Verdrängung fähig ist und einen „Sündenbock“ braucht, um auf ihn den Schatten zu projizieren. Die „Sündenböcke“, im altjüdischen Ritual der Verbannung des Bockes zum Asasel als Kollektivreinigung am sinnfälligsten demonstriert, werden entweder durch die Minoritäten eines Stammes oder Volkes dargestellt (siehe etwa in jüngster Zeit die nationalsozialistischen Judenverfolgungen!) oder durch die Hervorragendsten des Kollektivs; daher die Opferung des Genies durch die Menge, wie es die ganze abendländische Geschichte durchzieht und in vorgeschichtlichen Zeiten im rituellen Königsmord oder Opfertod des leidenden Gottes seinen mythischen Anfang nahm.