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Die echte Kritik ist ein Teil der fruchtbaren dialektischen Bewegung, in der sich der Mensch geschichtlich entwickelt. Kritik ist nur möglich, wo Schöpfer und Kritiker im gleichen Raume leben, an der gleichen Substanz ihre Erfahrung errungen haben. Von außen kann man vielerlei: man kann Fremdes beschreiben, loben, tadeln. Wo man die eigene Wertwelt hineinträgt in diesen fremden Schaffensraum, an dessen Wachstum man keinen Anteil hat, treibt man Politik. Die nächstliegende Möglichkeit scheint dabei immer die zu sein, daß man Fremdes als feindlich empfindet und versucht, es zu verdrängen, unterjochen, auszulöschen. Die Wege dazu können sehr verschiedene sein, sie reichen von Kanonen über Traktate bis zum Pamphlet. Kritik und Politik (in diesem Sinn) überschneiden sich fortwährend; man soll sie aber markieren als das, was sie sind, um zu wissen, was jeweils geschieht.
De mortuis nil nisi bene — gilt nicht für Männer von geschichtlichem Rang. Sie haben sich immer wieder dem Urteil der Nachwelt zu unterwerfen. Wenn aber ein Lebender gegen einen Toten einen Angriff in schärfster Form richtet, dann darf natürlich dort, wo es gilt, diesen Angriff abzuwehren, dem Lebenden nicht mehr Pietät gezollt werden als dem Toten. Karl Jaspers unterwirft seit Jahrzehnten immer wieder die Psychoanalyse seiner Kritik. Er, der immer für eine von den Fesseln der taktischen Rücksichtnahme unbeschwerte Kommunikation eingetreten ist, wird es für recht und billig erachten, wenn man gegebenenfalls gegen ihn in der gleichen Schärfe spricht, in der er gegen Sigmund Freud die Stimme erhebt.
Jaspers ist unlängst schon auf eine seiner Publikationen gegen die Psychoanalyse widersprochen worden.1)) Wir haben es heute nur mit einem im „Nervenarzt“