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Von Toleranz in diesem weltgeschichtlichen Augenblick zu sprechen, scheint ungefähr genau so bedeutungsvoll wie ein Kinderspiel zu sein. Es gibt Leute, die das Kinderspiel nicht gewichtig nehmen. Sie dürften irren. Diese Leute werden unseren Gedanken, wenn sie ihnen überhaupt zuhören, nachsagen, das sei geistiger Müßiggang. Diesmal könnte ich ihnen nicht widersprechen. Denn ich bin der Meinung, daß Müßiggang nicht nur nicht aller Laster Anfang, sondern eine fast verlorene Tugend ist. Also nehmen wir uns die Muße für eine Besinnung und sehen wir am Ende, ob sie müßig war.
Die Welt im ganzen und jeder einzelne steht in einem gewaltigen Sog von Ereignissen und Vorstellungen, welche die Toleranz als durchaus unzeitgemäß, als ein Zubehör lässiger Zeitalter erscheinen lassen könnte. Wenn wir aus innerer Neigung zu ihr trotzdem ihrem Wesen nachspüren, dann müssen wir uns über wichtige Voraussetzungen, die zu dieser Haltung gehören, klar werden. Sie zu erarbeiten, scheint mir die Psychologie nicht ungeeignet zu sein, weil durch sie die Einbettungen von Toleranz (eigentlicher und scheinbarer) im Zusammenhang seelischen Verhaltens erkennbar gemacht werden können. Jede noch so dringende und etwa mit der Ethik begründete Forderung nach Toleranz muß sich von der Wirklichkeit der menschlichen Natur oder vielmehr des menschlichen Wesens Rechenschaft geben, um nicht erfolglos zu bleiben und tauben Ohren zu predigen. Über das Gesamt der seelischen Voraussetzungen, welche Toleranz erst ermöglichen, ließe sich viel beitragen. Ich will mich auf wenige vordringliche Bedingungen konzentrieren und bemühe mich, nach guter Methode des Essayisten keinen Begriff zu verwenden, ohne Ihnen zu verdeutlichen, was ich mit ihm meine.
Mein Leitgedanke ist dabei, die Möglichkeit zur Toleranz aus Grundzügen des seelischen Verhaltens des Menschen (also aus einer psychologischen Anthropologie)