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Wenn ein Kind die Kultur des Elternhauses in seiner Entwicklung zur Persönlichkeit in unverhältnismäßiger Weise hinter sich läßt und in andere Sozialgefüge eintritt und wenn diese Ablösung im Verhältnis zum Gesamt der Bevölkerung häufig ist, dann sprechen wir von sozialer Umschichtung. Kulturgeschichtlich läßt sich dieser Begriff auf die letzten fünf Dezennien anwenden, in denen die Fälle sozialer Umschichtung sich derart häuften, daß das tradierte soziologische Gefüge und seine Schichten, zum Beispiel das Bürgertum, weitgehend verändert wurde. (Dies selbst dann, wenn von den Folgen des letzten Krieges abgesehen wird.) Die Ursachen der sozialen Umschichtung im kulturgeschichtlichen Sinne liegen weit zurück. Die erste Lockerung erfuhr der aus dem Mittelalter überlieferte Kastengeist durch den Rausch der rationalistischen Aufklärung, durch die große Revolution und die napoleonischen Kriege, insbesondere den Freiheitskrieg auf deutschem Boden. Aber auch die demokratische Bewegung, die neue Kaiserromantik, andererseits die marxistische Utopie und sozialdynamische Ideologie, Frauenbewegung und Wandervogel, die Volkshochschule, weiter das neue Wahlrecht, die allgemeine Wehrpflicht, und so weiter — alle diese Erscheinungen, zum Teil schon im Gefolge der Umschichtung stehend, fügten Stein auf Stein zur Entwicklung eines neuen Persönlichkeitsgefühles, das bis in die untersten Schichten durchsickerte. Der Bürgerkönig in Paris, der Monarch mit der schwarz-rot-goldenen Armbinde in Berlin waren das Ende einer Revolution, die in Frankreich akut war und den dritten Stand an die Macht gebracht hatte, zugleich aber auch nur der Auftakt für eine chronische Revolution, die ihre ersten Phasen der tiefgreifenden sozialen Umschichtung in Rußland verwirklichen konnte.
So vorbereitet erfuhr der Arbeiter (und mit ihm der Kleinbürger) im Kriege 1914/18 — aber auch im zweiten Weltkrieg — eine weitere Steigerung seines Selbstgefühles durch das Erlebnis jenes nackten Menschseins, das bei ihm ni