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Hat es für uns moderne Ärzte überhaupt noch einen Sinn, uns mit Mythologie abzugeben? Haben wir es mit der neuzeitlichen Wissenschaft nicht so weit gebracht, daß wir diesen dunklen Ursprung in der mythischen Vorzeit vernachlässigen dürfen? Das mit der Psychoanalyse aufgekommene Interesse für die Träume, Visionen, Phantasien, Wahnideen und so weiter, hat eine gewisse Parallelität dieser unbewußten Vorgänge mit den Märchen, Sagen und Mythen aller Zeiten und Völker erkennein lassen. Es gibt tatsächlich eine ganze Gruppe von seelischen Automatismen, bei denen sich kein direkter Zusammenhang mit den persönlichen Erlebnissen und Verhältnissen des betreffenden Menschen nachweisen läßt. Man spricht dann von kollektivpsychischen, für alle Individuen geltenden Erscheinungen. Unsere vorwiegend realistisch-rationalistische Einstellung erschwert den Zugang zur Bilder- und Symbol-weit des Irrationalen. Wir können es kaum fassen, daß die Mythen für die Urvölker eine innere Realität sind, an die sie glauben, die sie mit ihrem ganzen Wesen, im heiligen Ernst erleben. Wir neigen dazu, in ihnen nur ein naives, unverbindliches Spiel der Phantasie zu sehen.
Die archaischen Griechen hielten die Krankheiten für eine Strafe der beleidigten Götter und suchten die Heilung in Heilstätten, die dem göttlichen Asklepios geweiht waren. Es galt, durch Reinigungs- und Sühnezeremonien und durch Opferhandlungen die Gunst des Heilgottes zu gewinnen, zum Beispiel sein Erscheinen im Traum (Tempelschlaf zu Epidauros) zu erbitten. Er war ein Sohn des Licht- und Heilgottes Apollo und einer irdischen, Mutter und verdankte einem Kaiserschnitt seine Rettung. Seine Kindheit trägt die typischen Züge der Geschichte des Helden mit den wunderbaren Zeichen, mit den hilfreichen Tieren — auf der Höhe seines Ruhmes als Arzt gelang es ihm, Tote aufzuerwecken, was ihm, wegen der Störung der kosmischen Ordnung, die Todesstrafe des Zeus zuzog. Der Verstorbene wurde aber zum Heilgott deifiziert und in den Olymp aufgenommen.