You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In der Mitte unseres Jahrhunderts, da die Frau in der Wissenschaft heimisch geworden ist, unternimmt sie es, das eigene Wesen zu untersuchen und in seiner Besonderheit ausführlich darzustellen. Es gab zwar auch früher gelegentlich derartige Versuche, aber sie waren ganz offenbar zu stark vom Affekt getrübt (wir erinnern an Mathilde Vaertings „Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie“), um überzeugend zu wirken, ganz zu schweigen von den Werken männlicher Autoren.
Nun liegt neben dem zweibändigen Werk der Französin Simone de Beauvoir »Le deuxième sexe«, das 1949 in Paris erschien, und der 1948 in Bern herausgekommenen Übersetzung der „Psychology of Women“ der Amerikanerin Helene Deutsch in 3., veränderter Auflage „Das weibliche Seelenleben“ von Martha Moers vor. Derartige Übereinstimmungen sind keine Zufälle. Es zeigt sich vielmehr darin die brennende Problematik, die durch die veränderte Stellung der Frau in der Welt entstanden ist, und das Bedürfnis, die eigene Art in deutlich umrissener Form herauszustellen und gegen das andere Geschlecht abzusetzen. Hiermit wird endlich ein Ausgleich geschaffen, da die Frau bisher fast nur vom Standpunkt des Mannes aus betrachtet wurde, der sie gewissermaßen als sein Objekt, seine Gegenspielerin, als „l'autre“ sah, wie es Simone de Beauvoir formuliert.
Jedes der 3 Bücher stützt sich auf eine andere Grundlage. Ist die Französin Sartre und den Auffassungen des Existentialismus verpflichtet, so vertritt die Amerikanerin die Lehren Freuds. Martha Moers hingegen bezieht sich auf eine Stufentheorie des Deutschen F. Grossart, die er in seiner Arbeit „Gefühl und Strebung, Grundlinien einer seelischen Gefühlslehre“, Leipzig 1931, dargestellt hat, und die der Verfasserin als Basis für die Herausarbeitung der Eigenart des weiblichen Seelenlebens besonders geeignet erscheint. Zur Bekräftigung der Richtigkeit dieser Wahl zitiert sie einige Sätze von Rudolf Allers („Das Werden der sittlichen Person, Wesen und Erziehung des Charakters“,