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Wie jede Eranostagung bot auch die letztjährige eine Reihe von Variationen um das Hauptthema. Dabei zeigte sich, daß das Wesen des Ritus durchaus nicht einheitlich aufgefaßt wurde. Sprachlich aus der Wurzel für „Bewegung“, „Weg“ stammend würde der Begriff am besten mit dem deutschen Wort „Begehung“ wiedergegeben. Ritus ist — darin stimmten wohl alle Sprecher überein — ganz allgemein die Wiederbegehung eines einmal Gestifteten, Erinnerung und Wiederholung eines Urgeschehens. Er entspringt aus der Begegnung des Menschen mit dem Numinosen, aber auch mit Mitmensch und Tier, sofern diese Begegnungen etwas Transpersonales, im Goethe schen Sinne Bedeutendes haben. Die einen Redner legten nun mehr Gewicht auf den religiös-kultischen Charakter und die kollektive Bedeutung der Riten (als ordnendes Prinzip in der Beziehung der Menschen untereinander), die anderen behandelten vorwiegend die Riten, die der Einzelseele als Mittel zur mystischen Gottbeziehung und als Weg zur Selbstentfaltimg dienen.
Durch Riten werden auch die Gemeinschaftsordnungen aufrechterhalten. Ja, Beziehung überhaupt ist nur möglich mit Hilfe eines Ritus. Je primitiver die Lebensund Gemeinschaftsformen des Menschen, desto fester ist er an Riten gebunden. Dies gilt auch für die Tierwelt. Dort finden wir Riten — wie Prof. Adolf Portmann. (Basel) zu seinem Thema „Riten der Tiere“ ausführte —, die der Art unveräußerlich angehören und die ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal der Arten darstellen. Nur ganz im Anfang des einzelnen Tierlebens sind sie elastisch veränderbar. Die Individuen einer Art erkennen sich an diesen Riten, die zum Beispiel in bestimmten Bettelbewegungen der Jungtiere, in festgelegten Verhaltensweisen beim Nestbau, bei der Werbung, vor allem bei allen der Fortpflanzung dienenden Lebensformen bestehen. Portmann schilderte verschiedene solche Tierriten, zum Beispiel den Ritus, mit dem der australische Leierschwanz in tagelang währender Geschäftigkeit sein Revier zubereitet und ausschmückt. Er