You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Psychotherapie hat im Lauf ihrer kurzen Geschichte bereits fundamentale Wandlungen durchgemacht. Aus einer engeren medizinischen Bemühung um symptomatisch gestörte Personen ist ihr mehr und mehr das Bewußtsein eines echten Auftrags am modernen Menschen zugewachsen. Man könnte auch sagen, daß das erkrankte Jahrhundert, enttäuscht von den Versprechungen der materialistischen Wissenschaften, den religiösen Traditionen weitgehend entfremdet, sich in ihr ein originäres Heilungsmittel geschaffen hat, dessen eigenartige Quellgründe in Tiefen liegen, die das allgemeine Dasein nicht kennt. Aber auch die Psychotherapie ist in ihrem echten Auftrag bereits wieder bedroht — wie alles wirklich Ursprunghafte, was je der Menschheit eingegeben worden ist. Auch nach ihr greift die entsetzliche „Affenhand des Intellekts“ (Ortega y Gasset), die Hand des täuschenden Nachahmers, auch ihr droht es, Mode zu werden und zur Technik zu erstarren. Mehr als jedem anderen Tun ist ihr deshalb immer erneute Besinnung auf sich selbst geboten. Sie muß hellhörig sein auf den Anruf, der an sie geschieht, elastisch, kühn, frei und schöpferisch in den Entwürfen ihrer Möglichkeiten und ihrer Entwicklung. Im Zeichen einer solchen Besinnung mögen die folgenden Überlegungen verstanden werden.
Im Lauf weniger Jahrzehnte hat sich die Psychotherapie, zunächst im Rahmen medizinisch-psychiatrischer Praktik entstanden, geisteswissenschaftlichen Forschungen — Folklore, Mythologie, Pädagogik, Psychologie, Kunst- und Sprachgeschichte und anderen — geöffnet und hat sich weitgehend geisteswissenschaftlicher Prinzipien, Begriffsbildungen und Methoden zu bedienen gelernt. Natürlicherweise, denn sie hat schon im Keim und durch die Gestalten ihrer Begründer den Anspruch auf eine umfassende anthropologische Deutung ihrer Phänomene mitgebracht. Bereits Freud hat scharfsichtig vorausschauend die Psychotherapie nicht allein in der Hand des Fachmediziners wissen wollen, sondern dem damals sogenannten „Laientherapeuten“ das