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Den Kunsttischen mit reich bemalten Platten, die uns die bürgerliche Wohnkultur des 16. Jahrhunderts hinterlassen hat, geht die Tischplatte Boschs als ältestes und ganz für sich stehendes Exemplar voraus. Von der dekorativen Festlichkeit der späteren Tische hebt sie sich spröde und befremdlich ab, stellt sie ihr doch den bitter ernsten Stoff der „Sieben Todsünden“ und der „Vier letzten Dinge“ (Abb. 1) gegenüber. Philipp II. hatte sie als Lieblingsbild in seinem Wohngemach im Escorial vor Äugen, wohin er sie im Jahre 1574 überführen ließ. Das Tischgestell war allerdings entfernt und seine Platte als selbständiges Gemälde an die Wand gehängt. Durch diese Ablösung ging sie als „Galeriebild“ in die Kunstgeschichte ein, die sich deshalb gar nicht erst um die beiden maßgeblichen Vorfragen bemühte: warum als tragendes Gerüst dieser halb geistlichen, halb weltlichen Moralität ein Tisch verwendet wurde, sodann: für welchen Raum und welche Gäste dieser höchst ungesellige und aller Weltlust hohnsprechende Tisch bestimmt gewesen war. Jedoch auf diese beiden Vorfragen kommt es gerade an. Denn die spätmittelalterliche Bildnerei hatte „Todsünden“-Zyklen und Mementos der „Vier letzten Dinge“ dutzendfach geliefert, demgegenüber die Einmaligkeit der Tafel Boschs auf ihrer Eigenschaft als Tischplatte beruht.
Ein Tisch ist ein Gebrauchsgerät und somit zweckgebunden. Nur Luxustische haben keinen Zweck, doch dieser Gattung hat ein Tisch, der Frau Luxuria samt ihren sechs untugendlichen Schwestern vor die Entscheidungen des Weltgerichtes stellt, bestimmt nicht zugehört. Das war kein Prunktisch, sondern ein „gemaltes Pönitenzial“. So urteilte Carl Justi1) zweifellos mit Recht, wird doch schon auf dem ersten Medaillon das Sakrament der Buße eindringlich zur Schau gestellt. Dort sieht man einen Sterbenden, der mit der Letzten Ölung die Generalabsolution empfängt. Die Sterbestunde als der Übergang der diesseitigen in die jenseitige Ordnung ist das Leitmotiv der Tafel, deren gesamtes Bildsystem