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Meine Damen und Herren!
Wenn ich Ihnen einiges über Angst und Schuldgefühle sagen soll, soweit diese Erscheinungen uns Tiefenpsychologen, insbesondere uns Psychotherapeuten interessieren, so erlauben Sie, daß ich mich zuerst mit der Erscheinung „Angst“ beschäftige. Unser heutiges Wort Angst geht auf die indogermanische Wurzel *angh- zurück, die mit einer entsprechenden Endung das Einengende, Einschnürende, bedeutet. Diese indogermanische Wurzel hat sich sowohl über das althochdeutsche Wort angust zu dem Wort Angst hin entwickelt, als auch zu dem lateinischen angustus, was soviel wie eng, beschränkt, dürftig, spärlich, mißlich, bedeutet. Das entsprechende Verbum angustiare wird mit in die Enge treiben, bedrängen, beängstigen übersetzt, und das Substantiv angustiae hat unter anderem die Bedeutungen Enge und Bedrängnis. Wenn wir auch nicht ohne weiteres zu dem Begriff Angst Bedrängnis assoziieren würden, so scheint es mir doch nicht bedeutungslos zu sein, daß ein lateinisches, von derselben Wurzel angh- her entwickeltes Wort auch diese Bedeutung hat. Das deutsche Wort „beängstigend“ jedoch bringt uns mit seinem gefühlsmäßigen Inhalt den Begriff „Bedrängnis“ schon näher. Ich will daher versuchen, die Erscheinung Angst auf die Faktoren hin zu untersuchen, die das Gefühl der Enge hervorrufen, und andererseits inwieweit Angst auf das Gefühl der Bedrängnis zurückzuführen ist.
Ehe ich mich mit den verschiedenen unter dem Sammelbegriff „Angst“ zusammengefaßten Empfindungen beschäftige, muß ich darauf hinweisen, daß die Angst einerseits fast ausschließlich auf seelische Vorgänge zurückzuführen ist, auf der anderen Seite aber durch körperliche Erscheinungen hervorgerufen werden kann; häufig durch eine Kombination sowohl psychischer als auch somatischer Momente. Ich will mich nun ausschließlich mit den Angsterscheinengen beschäftigen, die als ausgesprochen seelische Vorgänge imponieren, obwohl ein gleichzeitiges Geschehen am Organsystem wohl immer festzustellen ist.
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