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Der Hamburger Internist bekennt sich in seiner Rektoratsrede zur Auffassung, daß Krankheit letzten Endes nur vom Religiösen her verstehbar sei. Wesentlicher als ihre Ursache sei ihr finaler Sinn. „Der Mensch wird nicht ohne Grund von Krankheit befallen, sondern aus eigener Schuld, wegen Verletzung der Gottheit.“ Daher habe Krankheit mit Sünde zu tun; oder aber Krankheit sei „ein Aufruf Gottes, ein Weg zur Reifung oder zur Vorbereitung auf den Tod“.
Es ist richtig, daß wir Menschen unser Kranksein so erleben können und darum wohl auch so erleben sollen, wie es Jores will. Richtig auch, daß der Arzt darum wissen und unter Umständen zur Erkenntnis letzter Verantwortung führen soll. Wenn aber Jores die bisherige, naturwissenschaftlich orientierte Heilkunde als oberflächlich bezeichnet, so scheint uns dies aus einer zu eilig erworbenen Sicherheit zu stammen, die in Gefahr ist, die Achtung vor einer Wissenschaft zu verlieren, die in strenger Bescheidung eine bestimmte Art von Exaktheit zum Ziele nahm und die es immerhin mit ihrer Methode zu ansehnlichen Erfolgen brachte. Jores meint überhaupt „Oberflächlichkeit ist ein Fluch, der auf unserem heutigen Sein lastet“. Mit den wirksamen modernen Medikamenten „drückt man sich rasch um alles herum und erzielt außerdem noch Gesundheit“. Die Folge sei, daß der Mensch mit seiner inneren Unordnung und Problematik weiterlebe, die zum mindesten eine Teilursache der Krankheit sei.
Geht hier Jores nicht in seiner Kritik zu weit? Nicht die wissenschaftliche Grundlage unserer bisherigen medizinischen Auffassung, sondern lediglich ihr ideologisch-weltanschaulicher Anspruch bedarf einer Zurückweisung. Wir gehen durchaus mit Jores' Ansicht einig, daß der Aspekt der Selbstverantwortung und Selbstvollendung jede medizinische Betrachtung ergänzen sollte. Unter dieser Voraussetzung stand aber auch die bisherige Medizin. Ihr spezieller naturwissenschaftlicher Aspekt nämlich war nur möglich, solange sich das Moralische von selbst verstand, beziehung