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Der Psychotherapeut, der die „Behandlung“ eines neurotischen Menschen beginnt, ist sich gewöhnlich nicht darüber im klaren, welchen Umfang das Unternehmen hat, auf das er sich einläßt. Schon der Ausdruck „Behandlung“, der in der Organmedizin mehr oder weniger gut am Platz ist, ist für das psychotherapeutische Unternehmen ganz und gar unangebracht. Ein Mensch erschließt sich: er berichtet von sich selber, er spricht Dinge aus, die er nie einem andern gesagt haben würde, die er kaum selber zu denken wagte: peinliche Ereignisse, gefährliche Träume, schlimme Phantasien —die Aufgabe des Psychotherapeuten ist es, zuzuhören, zu verstehen, auch zu deuten, wenn die Zeit reif dazu ist — wie man sieht, alles andere als „behandeln“, das immer auf ein aktives Tun („mit den Händen“) hinweist. Mit jedem neuen Menschen tut sich eine neue Welt vor uns auf; die Kategorien, die wir erlernt haben und mit denen wir die neurotischen Erscheinungen zu bewältigen suchen, versagen weithin vor dem Reichtum an Erlebnis, an Erinnerung, an Phantasie, aber auch an spezifischer Not und Hilflosigkeit, die sich allmählich dem Zuhörenden enthüllen. Ich nenne die so erwachsende Beziehung zwischen einem Menschen, der sich einem andern allmählich eröffnet, und dem zuhörenden Psychotherapeuten mit Keyserling Polarisation und verstehe darunter jene unmittelbare und einzigartige, unaustauschbare Wechselwirkung zwischen dem Ich eines „Patienten“ und dem Ich des Psychotherapeuten. Diese Beziehung kann durch „Übertragungen“ und „Gegenübertragungen“ die verschiedenartigsten Trübungen erfahren, liegt aber allem psychotherapeutischen Geschehen zugrunde. Sie rein herauszuarbeiten und zu beiderseitigem Erlebnis zu bringen, ist eine entscheidende Aufgabe des psychotherapeutischen Prozesses.
Deutlicher als es zunächst in der eigenen Welt erlebt wird, erkennen wir bei der Polarisation mit einem hilfsbedürftigen Menschen, wie sehr Kierkegaards Einsicht zu Recht besteht, daß der Mensch „ein Verhältnis ist, das sich zu s