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Das wohl überall bekannte Buch hat nun bald eine Verbreitung von 100 000 Exemplaren gefunden. Verdienterweise, denn es ist neben dem grundlegenden Werk von Ziehen immer noch die schönste und konziseste Frucht einer bewußtseinspsychologischen Betrachtungsweise über das Jugendalter, und kein anderer Autor hat Spranger darin übertreffen können. Er versucht sogar, die Tiefenpsychologie und ihre Ergebnisse herbeizuziehen und einzugliedern. Sie widerspricht zwar der dem Autor gegebenen stark pädagogisch infizierten und ästhetisierenden Betrachtungsweise; darum gelingt es Spranger nicht, ihre Gedankengänge zu erfassen, sie bleiben ihm fremd, reizen ihn schließlich zur Polemik, und wenn er Seite 119 die kühne Behauptung autoritär zu vertreten sucht, die Tiefenpsychologie sei „in Wahrheit Ober flächenpsychologie“, können wir nur milde lächeln und bedauern, daß sich der greise Autor, den wir so hoch schätzen, dermaßen aufs Glatteis hinausgewagt hat und sich blamiert. Gewiß kann er sich den kleinen Schönheitsfehler leisten; aber es wäre doch wahrscheinlich ratsam, daß er in einer weiteren Auflage seines Werkes die entsprechenden Stellen wegläßt und sich auf das beschränkt, was er unbestreitbar versteht; zum Beispiel das Wesen des Menschen einzuteilen ins Dionysisch-Niedrige und ins Apollinisch-Höhere, die zum Vornherein gegeben sein sollen und deren innere Verknüpfung Spranger nur darin erblickt, daß sie sich gegenseitig bekämpfen. Die dynamische und ganzheitliche Erfassung des Menschen ist Sprangers Sache nicht. Im übrigen lesen wir sein Buch immer wieder mit Interesse und Genuß: es bestechen die hohe ethische Haltung und der Stil, der sich oft ins Poetische verklärt, ohne damit dem Wissenschaftlichen Abbruch zu tun.