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Wenn Frankl vom homo patiens spricht, glaubt er Wesenhaftes über den ganzen Menschen und die menschliche Seinsweise auszusagen. Als Neurologe und Psychiater kennt er alles, was der Mensch „auch“ ist. Er kennt seine Bezüge im Bereich der Biologie, der Physiologie, der Psychologie und der Soziologie. Er wehrt sich dagegen, daß in diesen Aspekten der ganze Mensch eingefangen sein soll. Das spezifisch Menschliche beginnt für ihn erst dort, wo über dem Bereich des Kategorien-paares: gesund-krank hinaus der Mensch als leiblich-seelisch-geistige Einheit und Ganzheit verstanden wird.
Selbstsein, Freiheit, Verantwortlichkeit, Würde der Person, Intentionalität und Sinn gibt es aber nur im geistigen Bereich. Wesentlich verschieden von körperlicher-seelischer Krankheit ist die geistige Not. Sie erfaßt die ganze menschliche Person und schafft das Leid, das zum Menschwerden und Reifen unentbehrlich ist. Die Reifungskrise eines Menschen kann unter dem klinischen Bild einer Neurose verlaufen und ist doch bei gleicher Symptomatik ein wesentlich anderes Geschehen. Hier ist die differentielle Diagnostik, die Unterscheidung des Geistigen und Menschlichen gegenüber dem Seelischen un Krankhaften für die Therapie entscheidend. Für den reifenden Patienten gilt der Satz: „Ich lasse dich nicht, du seist denn du selbst geworden!“ als Leitsatz und Wahlspruch aller Psychotherapie. Der Arzt darf ihm so lange keine Ruhe lassen, bis er den Sinn seiner Existenz und damit zu sich selbst gefunden hat. Der Sinn seines Leidens heißt leisten, wachsen, reifen. Die Reifung jedoch beruht darauf, daß der Mensch zu innerer Freiheit gelangt — trotz äußerer Abhängigkeit.
Der Arzt hat eine zweifache Aufgabe: Leiden zu lindern, dem Leidenden zu helfen. Seine Aufgabe aber erschöpft sich nicht darin, daß er den Menschen arbeits- und genußfähig macht, er muß ihn auch leidensfähig machen: ein unheilbarer Kranker zum Beispiel darf nicht verzweifeln, sondern soll in seiner Krankheit seinem Leben noch Sinn abgewinnen.
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