You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Kein Seinsgebiet, das den Namen einer Wissenschaft mit Ehren tragen will, ruht auf so fragwürdigen, uneinheitlichen und immer wieder angefochtenen Fundamenten wie die Psychologie. Im Bereich der Naturwissenschaften liegen Gegenstand, Methoden, Aufgaben und Grenzen eindeutig fest — bis auf geringfügige Grenzstreitigkeiten. Nicht als ob Kämpfe um die weltanschauliche Einordnung der Probleme dieses Wissensgebietes fehlten; sie waren sogar zeitweise sehr heftig. Aber solche Schwierigkeiten berührten die Arbeit des Forschers nur wenig. Meistens kam man ganz gut vorwärts, ohne zu so fatalen Problemen überhaupt Stellung nehmen zu müssen, wenn auch gewisse heuristische Hypothesen, die dem anfechtbaren Bezirk entstammten, als richtunggebend für manche Fragestellungen willkommen waren.
Demgegenüber ist in der Psychologie die Lage viel weniger eindeutig. Zwar zur Zeit der Hochblüte der rein naturwissenschaftlichen Haltung machte man sich die Sache leicht: man rechnete die Psychologie zu den Naturwissenschaften oder machte sie zu einer Art Appendix an deren Gebiet. Dazu hatte man insofern ein gewisses Recht, als nicht wenige der psychischen Vorgänge und ihrer Äußerungen einer Prüfung mit naturwissenschaftlichen, sogar mit mathematischen Methoden zugänglich waren. Auch als man sah, daß so das Ganze der seelisch-geistigen Zusammenhänge nicht zu erfassen war, bemühte man sich, an der Einreihung in die Naturwissenschaften festzuhalten. Nur was von den seelischen Vorgängen mit naturwissenschaftlichen Methoden erfaßbar war, gehörte in den Bereich der Psychologie, der Wissenschaft; was übrigblieb, war nicht mehr die strenge Wissenschaft, sondern Philosophie, Weltanschauung, Metaphysik, kurz ein Gebiet, worin der subjektiven Spekulation ein weiter Raum gelassen war. Wie unbefriedigend diese Abgrenzung ist, konnte freilich nicht lange verborgen bleiben. Denn es wurde allmählich immer deutlicher, daß der größte Teil gerade der für das seelische Gebiet spezifischen Zusammenhänge bei Anwend