You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wissenschaft ist die methodische Erkenntnis, deren Inhalt zwingend gewiß und allgemeingültig ist (Jaspers). Diese Erkenntnis muß als Wahrheit für jeden gelten können, der Wahrheit will (Max Weber) und der die nötigen intellektuellen Voraussetzungen zu ihrer Aneignung besitzt.
Von diesen Forderungen ist kein Gebiet der Wissenschaft ausgenommen. Sie gelten darum für jede medizinische Psychologie, die im Rahmen einer Universität gelehrt und für Gutachten vor Gericht herangezogen wird. Wo sie ernst genommen werden, wird sachliche Kritik möglich. Die Tür bleibt offen für den Anspruch neuer Erfahrungen, die zur Umgestaltung und Verwerfung bestehender Theorien zwingen und damit die Forschung vorantreiben. Wo sie aufgegeben werden, treten beliebiges Dafürhalten und unüberzeugbare Glaubenseinstellungen an die Stelle von Wissenschaft.
Das wichtigste methodische Argument, das heute gegen die Wissenschaftlichkeit der analytischen Psychologie erhoben wird, richtet sich gegen den Charakter ihrer Deutungen. Diese Deutungen seien unverbindlich. Sie seien durch wissenschaftliche Methoden nicht nachvollziehbar. Es handele sich nicht mehr um Erkennbarkeit, auf die die Kriterien wissenschaftlicher Wahrheit — siehe oben — angewendet werden können. „Erkennbarkeit“, schreibt Jaspers, „in das Fließen der endlosen Deutung und Umdeutung gebracht, ist nicht mehr Erkennbarkeit“; und weiter: „Die Verabsolutierung des Bedeutens und die Nivellierung dieses Bedeutens auf eine einzige Ebene von Sinnverstehen bedeutet eine ‚Weltanschauung‘, der alles Symbol wird, aber von der Art des Symbols, das deutbar ist. Von faktischen hysterischen Symptomen und anderen greifbaren Krankheitserscheinungen wird das Deuten auf alle Krankheiten, auf die gesamte Biographie des Menschen ausgedehnt1.“
Deutungen werden in der Psychologie dort möglich und notwendig, wo es um „Sinnverstehen“ geht. An diesem Begriff muß daher die Auseinandersetzung mit obigen Argumenten beginnen. Was heißt in der Psychologie „Sinnverstehen“?