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Von den graphologischen Neuerscheinungen der Nachkriegszeit ist die Zweit-Ausgabe des Wieserschen „Rhythmus der Verbrecherhandschrift“, die unter obigem Titel herauskam, die dankenswerteste und wichtigste. Nicht nur wegen der praktischen Ausweitung der Befunde, sondern auch um dieser selbst willen, die ein schönes und lehrreiches Beispiel abgeben für die fruchtbare kontinuierliche Fortentwicklung einer wissenschaftlichen Methode.
Roda Wieser knüpft an das umstrittenste Theorem der Ausdruckskunde, das sogenannte „Formniveau“ an, dem sie in konsequenter Weiterbildung der von Klages geschaffenen Grundlagen eine neue diagnostische Handhabe abzugewinnen versteht. Nach der Lehre von Klages ist das Formniveau, von dessen Bestimmung die Deutung der Handschrift im einzelnen abhängt, als Ganzheits-Qualität der Schreibbewegung zu verstehen, d. h. es umfaßt die beiden Komponenten des Schreib-Impulses, die vitale Antriebsstärke sowohl wie die durch den Bildungsstand des Schreibers bedingte Formung des Schriftbildes. Element und Geist wirken im Formniveau zusammen. Höchste Formstufen entstehen aus der gegenseitigen Durchdringung seelischer und geistiger Kräfte. So betrachtet ist das Formniveau ein vortrefflicher Wegweiser durch die Lineamente des Schreibvorganges, wo es sich um die Handschriften gebildeter Schreiber handelt. Es birgt aber viele, zum Teil schwer zu meisternde Schwierigkeiten bei jenen Schriften, die, wie etwa bei Bauern, Arbeitern und Handwerkern, einen größeren oder geringeren Bildungsmangel aufweisen.
Diesem Übelstand abzuhelfen, entwickelt R. Wieser ihre Lehre vom sogenannten „Grund-Rhythmus“ der Handschrift, der eine einheitliche Vergleichsbasis für die durchgeistigten und nichtdurchgeistigten Schriften bietet. Der Grundrhythmus fällt im wesentlichen mit dem Klagesschen Formniveau zusammen, unterscheidet sich aber von ihm insoferne, als er eine bestimmte Seite des Formniveaus stärker herausarbeitet. Form kann nicht zustande kommen ohne ein materielles Substrat;