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Eines meiner ersten Erlebnisse in der Sprechstunde mit einem einfachen Manne werde ich nie vergessen. Auf die Frage, was ihn herführe, antwortete er: „Herr Doktor, ich habs halt auf den Nerven.“ Und auf meinen Versuch, etwas mehr darüber zu erfahren, meinte er: „Wie es halt so ist, wenn man es auf den Nerven hat; das müßt Ihr als Nervenarzt doch besser wissen. Zuerst fährt es mir in den Kopf, dann in die Beine und dann in den ganzen Körper.“
Was der Kranke also als Kranksein empfindet, ist ein gestörtes Leibbewußtsein, und was ihn dazu veranlaßte, dies ursächlich „in die Nerven“ zu verlegen, ist die Unbestimmtheit der Störung sowohl in qualitativer als auch in lokalisatorischer Hinsicht. Es „fährt“ vom Kopf in die Beine und in den ganzen Körper. Ganz richtig und bezeichnend fühlt sich unser Patient nicht nervenkrank, sondern er „hat es“ in den Nerven, dieses unbestimmte Etwas im unbekannten Etwas. Nicht irgendein Teil von ihm, von seinem Körper ist krank, sondern er „hat es“, es ist in ihm, dem ganzen Menschen, fährt in ihm herum. Dieses Herumfahren beunruhigt ihn, ist ihm geradezu unheimlich durch seine Fremdheit und Unbestimmtheit. Ein „gewöhnlicher“ Schmerz, Rheumatismus, Bauchgrimmen, Kopfweh wirkt nicht so ichfremd, beängstigend, läßt sich auch in Worte fassen. Und so kommt er zum Nervenarzt, der „es besser wissen muß“. Er befindet sich also nicht nur in einem Leidenszustand, sondern in einer Erkenntnisnot, in der ihm der Arzt beistehen soll, der Arzt, der „es besser weiß“.
Hier, in dieser einfachen, zunächst fast komisch wirkenden Szene verwirklicht sich bereits die Grundsituation zwischen Arzt und Krankem, wie v. Weizsäcker sie darstellt:
„Das wirkliche Wesen des Krankseins ist eine Not und äußert sich als Bitte um Hilfe1.“ Und wie Martin Buber aussagt: Der Arzt tritt „in die elementare Situation zwischen einem anrufenden und einem aufgerufenen Menschen“2. Dieser Anruf erfolgt aus einer vertrauenden Hilflosigkeit heraus („Sie müssen es ja bess