You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Tiefenpsychologische Fragestellungen gewinnen zweifellos auf allen Gebieten fortschreitend an Boden. Daß aber über die wissenschaftliche und praktische Tragweite vieler ihrer Positionen unter den Sachkennern so ernsthafte Differenzen bestehen, das liegt zum großen Teil daran, daß die Grenzen unseres Gebietes keineswegs festliegen, genauer: daß die Probleme sehr verschiedener Seinsgebiete, deren Wesen und Abgrenzung ihrerseits stark umstritten ist, Biologie, Anthropologie, Philosophie, Metaphysik, Religion, daß deren Probleme sich vielfach in unübersichtlicher Weise mit den tiefenpsychologischen Fragestellungen überschneiden.
Immer wieder erscheint die Möglichkeit wie die Methodik einer angemessenen Erfassung seelischer Zusammenhänge fragwürdig. Das rührt her von der spezifischen Eigenart des Gegenstandes der Tiefenpsychologie. Aufgabe der Wissenschaft ist es ja, sich etwas gegenüberzustellen, es zum Gegenstand zu machen; hier sollen wir aber etwas zum Gegenstand machen, dessen Wesen es widerstrebt, Gegenstand, Objekt zu werden: die rationalen Formen des Objizierens, des Gegenüberstellens, die in anderen Wissenschaften Grundbedingung der Erkenntnis sind, sie versagen häufig bei der Erfassung des Seelischen. Denn das seelische Sein soll — im Gegensatz zu den Aufgaben aller anderen Wissenschaften — von einem Sein der gleichen Struktur, nämlich wieder von einem seelischen Sein, erfaßt werden, wobei jedes dem andern antwortet. Das heißt, das Seelische überhaupt, und nicht zum wenigsten gerade das eigentliche, tiefste menschliche Wesen, seine Existenz im prägnanten Sinne, erschließt sich uns nicht in der Situation des Gegenüberstehens eines Objekts, sondern im Erleben einer Gemeinschaft aus beiden Partnern, dem Erfassenden und dem Erfaßten.
Hier entsteht das große Dilemma der Psychologie. Suchen wir das Seelische als Gegenstand wie andere Gegenstände von außen zu betrachten, als etwas „Vorhandenes“, wie Heidegger sagt, so geraten wir ins Unlebendige, Unwirkliche, ja Absurde