You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In der Vorstellungswelt der neuzeitlichen Psychologie und Psychotherapie spielt der Begriff des Archetypus eine immer bedeutsamere Rolle. Er wurde, wenn auch nicht erst von C. G. Jung geschaffen, so doch von ihm in die Tiefenpsychologie eingeführt und darin heimisch gemacht. Weil jedoch die heute vielerorts üblich gewordene, leichtfertige Freigebigkeit in der Verwendung der Worte „Archetypus“ und „archetypisch“ weder den Absichten C. G. Jungs entspricht, noch der Tiefenpsychologie als Wissenschaft und als Heilverfahren zuträglich sein kann, dürfte eine gelegentliche Besinnung auf das eigentliche Wesen und die geistige Herkunft dieser Vorstellung nicht fehl am Platze sein.
Die Jungsche Psychologie hat mit der Freudschen Theorie vom Menschen zum mindesten das eine gemeinsam, daß auch C. G. Jung lediglich das alte naturwissenschaftliche Denkinstrument der Jahrhundertwende zur Verfügung stand. Darum versuchte er grundsätzlich genau so, wie Freud es getan hatte, die „Psyche“ und ihr Funktionieren dadurch zu erklären, daß er sie zunächst in hypothetische Teilgegenstände analysierte. Hierauf mußte natürlich auch er wieder Kräfte annehmen, um diese Teile von neuem zu einem einheitlichen Wirkungsganzen zusammen denken zu können. Freud hatte aus dem allen Menschen möglichen Erlebnis des Sich-hingezogen-Fühlens seine Vorstellung der Triebe abstrahiert. C. G. Jung schloß in analoger Weise aus der Tatsache, daß immer wieder und unter den verschiedensten Menschengruppen die gleichen Verhaltensweisen, Vorstellungen, Bilder, Mythen, Träume und Märchen anzutreffen sind, auf „Archetypen“, die diesen allgemein verbreiteten Erscheinungen zugrunde liegen und sie bewirken sollten. Wie Freud letzten Endes die ganze „Psyche“ auf seine Triebvorstellungen reduzierte, gelangte auch C. G. Jung bei der Atomisierung des psychischen Gleichgewichtsystems zu den „Archetypen“ als dessien letzte Bausteine oder Energiequellen und zu der Vorstellung eines „kollektiven Unbewußten“ als der Versammlung al