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Die folgende Bearbeitung geht im wesentlichen auf eine akademische Festrede des Verfassers am „Goethe-dies“ der Pädagogischen Hochschule Berlin aus dem Jahre 1949 zurück. Die Thematik scheint mir von bleibender Aktualität, da die Gestalt Goethes tiefenpsychologisch bis heute so wenig erschöpft wurde wie die Sichselbstaufgegebenheit des Menschen überhaupt. Ortega y Gasset hat in seinem Essay „Um einen Goethe von innen bittend“1 dazu aufgefordert, zum Unterschied von den üblichen Apotheosen, Klischees und Verzerrungen endlich einmal Goethe „von innen her“ statt von „außen“ darzustellen. Das könnte vornehmlich von der Psychologie aus gelingen, wenn sie, dem „eigentlichen Studium der Menschheit“ angemessen, genügend goethenah ansetzt2. In der folgenden Darstellung soll schlaglichtartig zu zeigen bzw. neu zu betonen versucht werden, wie weitgehend gerade die „Wahlverwandtschaften“ eine Selbstdarstellung zentraler Lebensproblematik Goethes enthalten.
Die Eigenart Goethes hat nicht zuletzt darin bestanden, in einer einzigartigen Fülle das Allerverschiedenste ausgesagt zu haben. Er sei nicht 80 Jahre alt geworden, um an jedem Tage dasselbe zu sagen wie am anderen, betonte er selbst; jemand, der viel mit ihm verkehre, bemerke verwundert, daß man ihn nie auf eine Ansicht der Dinge festlegen könne3. So ist es bekanntlich nicht schwer, Goethe immer wieder mit Goethe zu widerlegen. Am hinderlichsten steht einer Kenntnis des Ur-Goethe jedoch seifte Interpretation im Wege. Hier hat sich die Vieldeutigkeit des Originales mit der Meinungsvielzahl seiner Bearbeiter und Verehrer derart verdichtet, daß Goethe darin geradezu zum Vexierbild wurde.
Wenn wir als Psychologen einem Menschen nähertreten, interessieren uns dessen Lebensgang, Äußerungen und Werke weniger als solche, auch weniger hinsichtlich ihrer ästhetischen oder ethischen Wirkung auf uns und eine bestimmte oder imaginäre Menschheit, sondern vielmehr hinsichtlich der Frage, was von diesem Menschen selbst in seine Äußerungen un