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Die Frage, was normal und abnorm heißt, geht nicht nur den Theoretiker an, der aus dem vagen Alltagsverständnis zu klaren Begriffen strebt, sie ist ebenso wichtig für den psychiatrischen Gutachter wie auch für den psychotherapeutischen Praktiker. Die Klärung des Begriffs des Abnormen führt zunächst zur Unterscheidung eines Real-Norm-Begriffs, der besagt, wie der Durchschnittsmensch ist, und eines Ideal-Norm-Begriffs, der etwas darüber aussagt, wie der Mensch sein soll, denn normal im Sinne des Richtunggebenden ist etwas durchaus anderes als normal im Sinne des Häufigsten. Diese Begriffe tragen aber dem nicht Rechnung, daß der Mensch ein werdendes, sich entwickelndes Wesen ist — oder, um mit Jaspers zu sprechen, daß er immer noch mehr ist, als was er, zum Gegenstand der Erkenntnis geworden, von sich zeigt. Von der Seins-Norm ist daher die Werdens-Norm zu unterscheiden, die eine Kollektiv- oder Individualnorm sein kann.
Aus dieser Analyse ergibt sich eine Kritik an dem heute meist gebräuchlichen Durchschnittsnormbegriff im Sinne von Kurt Schneider, der nur das überblickbare vergangene psychische Sein berücksichtigt und einen einseitigen kollektiven Seins-Norms-Begriff darstellt. Andrerseits ist auch ein Ideal-Normbegriff, dem die Idee des Vollkommenen zugrunde liegt, einseitig, insofern die Kollektiv-Norm dabei unberücksichtigt bleibt. So ergibt sich ein differenzierter Normbegriff einer eigentlichen Individualnorm. Es ist die durch die kollektive Werdens-Norm begrenzte individuelle Werdens-Norm. Sie ist die Richtschnur für richtiges individuelles Werden, und ihre Realisierung liegt im Bereich des Wahrscheinlichen. Es bedarf besonderer Erfahrung, um diesen differenzierten Norm-Begriff anwenden zu können. Man wird z. B. die Norm eines differenzierten Menschen nur erkennen, wenn man den gleichen Differenziertheitsgrad hat, „eine sozial liebende Haltung“ (Spranger) und den Glauben an die Möglichkeiten des anderen.
Eine Folgerung aus der Analyse des Normbegriffs ist die Unt