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Der Ordinarius für Psychologie an der Berliner Humboldt-Universität, K. Gottschaldt, hat in einer „Poliklinik für nervöse und schwererziehbare Kinder und Jugendliche“ in den ersten Nachkriegsjahren das Problem der Verwahrlosung untersucht. Aus einem Material von 560 Beobachtungen und Begutachtungen entstand darüber ein Bericht, der uns jetzt vorliegt.
Es ist auffallend, wie sehr sich die hier behandelten Verwahrlosungserscheinungen auf den ersten Blick von den Nöten zu unterscheiden scheinen, die heute unsere Erziehungsberatungsstellen beschäftigen. Aber wenn die Fehlhaltungen, die damals zur Beratung mit dem Psychologen führten, auch aufdringlicher und lärmender waren, so zeigt sich doch bei genauerem Hinsehen, daß sowohl die eigentlichen Ursachen der Verwahrlosung als auch die innere Situation der Jugendlichen gleich geblieben sind, mögen auch an die Stelle der Schwarzmarktgeschäfte heute die bloße Unausgefülltheit des Tagesablaufes getreten sein oder mögen wir jetzt statt wochenlangen Herumtreibens und wirklicher Heimatlosigkeit „nur“ das Fehlen echter Bindungen und völlige Isoliertheit vorfinden. Vielleicht sind die extremeren Verhältnisse jener Zeit besonders geeignet, Aufschlüsse über das Wesen der Verwahrlosung zu geben.
Gottschaldt beschreibt die auffälligsten Züge der zu ihm gebrachten Jugendlichen: Besonders tritt ihr Mangel an Gefühlsregungen und Gemütsäußerungen hervor. Ihre Resonanzarmut und Stumpfheit führt zu einem nörgelnden, reizbaren, zuweilen auch launischen Grundton in der Lebensstimmung. Ihre Antriebe erscheinen matt und ohne Spannkraft, was sich im Alltag in dem Mangel an Bereitschaft zeigt, sich irgendwelchen Anforderungen zu stellen oder das Handeln irgendwelchen Zielen unterzuordnen. Diese Grundhaltung führt dazu, daß die Einordnung in das soziale Gefüge mißlingt. Herumtreiberei und Diebstähle wie auch Verwahrlosung des Triebverhaltens sind die Folge. Fehlhaltungen in der Steuerung der Entleerungsfunktionen (27 % Bettnässer), Onanie, und b