You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Das Instinkt-Problem ist zweifellos das zentrale Problem der vergleichenden Verhaltensforschung. Daher wird jedermann dem Verfasser Dank wissen dafür, daß er es unternommen hat, die Methode und die Ergebnisse seines und zum Teil auch des Lorenzschen Kreises zusammenfassend darzustellen. Eine derartige Abgrenzung und Klärung tut heute doppelt not, da in bezug auf die Bezeichnungen Instinkt, Instinkthandlung usw. ein entsetzliches Durcheinander besteht und da prominente Forscher wie David Lack dafür halten, das Wort Instinkt überhaupt aufzugeben, weil es nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich, verwirrend und irreführend sei (The Life of the Robin, 1946, Seite 189).
Die Instinktlehre Tinbergens, die in ihrer strengen Ausrichtung mancherlei Überraschungen enthält, ist im Grunde — wie der Untertitel des Buches präzisiert — vergleichende Erforschung angeborenen Verhaltens. Verhalten wird aufgefaßt als koordinierte Muskeltätigkeit; so ist das letzte Ziel der beschreibenden Ethologie (objektive Verhaltensforschung) ein genaues Bild der Zusammenarbeit aller bei einer bestimmten Tätigkeit beteiligten Muskeln. „Das ist außer in einfachsten Fällen bisher noch nie geschehen, offenbar weil den meisten Untersuchern diese Forderung noch nicht voll bewußt geworden ist“ (Seite 7). Bei der Erforschung einer Tierart bedarf es demnach als erstes einer vollständigen Bestandesaufnahme ihrer Verhaltensweisen, also des Verhaltensinventars, eines Aktionskataloges (Ethogramms) — an sich schon eine immense Aufgabe, da es rund eine Million Tierarten gibt. Bis heute besitzen wir noch von keiner einzigen Tierart eine auch nur einigermaßen vollständige Verhaltensmonographie (Seite 175).
Die objektive Verhaltensforschung, wie sie Tinbergen vertritt, arbeitet nach physiologischer Methode (Seite 100) und steht der Neurophysiologie sehr nahe (Seite 195). „Die Denkweise der Neurologie und der Verhaltensforschung ist die gleiche, beide werden immer enger zusammenarbeiten und endlich zu einer Wissensch