You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Ohne Zweifel sind wir Zeugen einer Entwicklung, in der in tieferer Besinnung eine anthropologische Fundierung der durch die Psychoanalyse gewonnenen Erfahrungsbereiche versucht wird. So verdanken wir Gustav Bally1 in seiner Arbeit über das „Inzestmotiv, die Überwindung der Vergänglichkeit im Mythos“ eine Interpretation des Ödipus-Mythos auf die Struktur der Zeitlichkeit des Daseins hin. Der Inzest, vollzogen im Ödipus-Mythos oder bei den ägyptischen Priesterkönigen, wurde von Bally als der animalische Versuch bezeichnet, die Zeitlichkeit zu überwinden, um an einer Unvergänglichkeit, an einer „schlechten“ Ewigkeit teilzuhaben. Die individuelle Geschichtlichkeit im Austragen der Gegensätzlichkeit zu realisieren, wird darin aufgehoben. Es herrscht die ewige Wiederkehr, der Pharao ist unsterblich, während Ödipus erst nach der Tat und nach der Blendung den Weg zur Überwindung der Zeitlichkeit, nun aber auf einer neuen geistigen Ebene, weiterschreitet (Bally). Mit der Interpretation des Ödipus-Mythos und damit auch des sogenannten Ödipus-Komplexes unter diesem Aspekt der Zeitlichkeit des Daseins erhalten Erfahrungsbereiche der Psychoanalyse, die ihre begriffliche Fassung etwa als „Fixierung“, „Regression“, „Wiederholungszwang“ gefunden haben, einen neuen Inhalt, bzw. es wird dadurch ein tieferer Sinn enthüllt, der von jeher in diesen Begriffen mitgemeint, aber nicht ausdrücklich herausgestellt worden war. Das Inzest-Motiv erscheint dann, wie die Studie Ballys präzis und eindrucksvoll entwickelt, als ein Versuch, die Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit dadurch zu überwinden, daß durch den bei den ägyptischen Pharaonen vollzogenen Inzest, hier einem Bruder-Schwester-Inzest, scheinbar Ewigkeit ist, wo in Wirklichkeit nur Zeitlosigkeit im Inzest erreicht werden kann. „Strebt der Mensch aber nach