You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Noch auf eine andere Wurzel des „entfremdeten“ Forderungscharakters der Normen, welcher gelegentlich als deren „objektive Geltung“ ausgelegt wird, ist hinzuweisen. Wohl die meisten Ideale und „sittlichen Gesetze“ werden zunächst in der Kindheit von den Autoritätspersonen an uns sozusagen herangetragen, sei es in der Weise der ausgesprochenen Gebote und Verbote oder als gelebte Vorbilder. Sie werden dann übernommen und zu eigenen Forderungen „verinnerlicht“ oder verwandelt, was die Psychoanalyse als Genesis des „Ichideals“ und „Überichs“ charakterisiert hat. Wir brauchen die Frage nicht zu diskutieren, ob es sich dabei um eine wirkliche „Entstehungsgeschichte“ oder nicht vielmehr um eine „Erweckung“ von latenten Möglichkeiten handelt; denn ob man die eine oder andere Deutung bevorzugt, bleibt sich für das, worauf es uns ankommt, gleich. Die in der späteren Lebensentfaltung unvermeidliche Entfernung von den frühkindlichen Zeiten der ersten, mehr oder minder erzwungenen Übernahme der Gebote, das Verdrängen und Vergessen der damit verbundenen konflikthaltigen Erlebnisse und Situationen, ihre aneignende, das Werten und die Haltungen bestimmende Verwandlung zur „zweiten Natur“ wirken zusammen und tragen so zum Eindruck des „objektiven“, d. h. dem Belieben des Einzelnen entrückten Sollenscharakters der Normen bei. Gewiß ist das lediglich ein psychologisch-biographisches, obzwar wohl bei den meisten Menschen mitspielendes Moment; aber das impliziert keinen Einwand, denn es geht dabei lediglich um das subjektive Erlebnis des als „objektiv“ imponierenden Sollens, nicht um dessen sachliche Begründung. Was „immer“ Geltung hatte, sich auf ein hohes Alter berufen kann, zur Tradition geworden ist, gewinnt um dieser Elemente willen den Anschein der fraglosen Autorität, im individuellen wie im