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Der Mensch betont im Fortschritt seiner Geschichte mit zunehmendem Stolz, mit Hilfe von Forschung Tatbestände seiner Natur aufklären zu können. Geht man dem Aufklärungsstrom näher nach, muß man jedoch noch immer feststellen, daß dieser sowohl gegen das Geistige als auch gegen das Naturhafte hin alsbald abebbt. Schwäche, Angst und Urteilsbefangenheit sind unseren Suchansätzen eigen. Und Fragerichtung und Frageweise sind vielfältig bedingt und vorgeformt. Wenn wir frei zu forschen meinen, bestimmen uns nur zu „natürlich“ eigene Brechungsfehler und Kanalisierungen. So stehen wir uns laufend selbst im Wege, während wir — imposant und tragisch zugleich — es nicht lassen können, mit immer neuem Forschungsansatz bald vorzustoßen, bald zurückzufallen.
Wenn wir die Welt und uns selbst auch nicht rein erkennen können, so gelingen glücklichenfalls doch Teilannäherungen. Sie sind recht eigentlich unser Los. Jeder, der weiter und freier vorstößt als ein anderer, stellt jedoch dessen Standort in Frage. Beschränktheit, Angst, Abwehr und Flucht beherrschen auch „aufgeklärte“ Menschen, wenn man ihre Tabugrenzen in Frage stellt. Alles aus dem Affekt Herausholbare wie alles Erdenkbare wird dann bemüht, um das Bildnis festzuhalten, das man vor sich selbst errichtete. Selbst der unter dem Motto der Aufklärung auf den Plan gerufene Intellekt muß dazu herhalten, Aufklärung mit allen Mitteln zu verhindern.
Der Empfang, der Kinseys Berichten zuteil wurde, erinnert an Reaktionen, die seinerzeit Freuds Lehre hervorrief. In mancher Hinsicht traf dieser zweite Streich gegen die Vernebelung des Menschenbildes auf dem Gebiete der Sexualität noch einschneidender. Fragen nach dem Verhalten normaler Durchschnittsmenschen wurden gestellt und die Antworten statistisch belegt. Danach kann man nicht mehr von einer begrenzten Anzahl abartiger Neurotiker sprechen, deren sexuelles Verhalten für die Allgemeinheit uncharakteristisch sei.
Die nüchternen Feststellungen Kinseys und seiner