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Wir können uns bei der Grenzbestimmung der Begriffe „Behandlung“ und „Beratung“ nicht allzusehr auf den Sprachgebrauch berufen; er ist schillernd. Wenn wir hier u. a. auch zu einer terminologischen Klärung kommen wollen, so wird das eine Sache des freien Übereinkommens sein; wir selbst werden bestimmen müssen, was wir künftig unter Beratung und Behandlung verstehen wollen.
Es wird vielleicht den einen oder anderen die Frage bewegen, ob die akademische Psychologie mit der Praxis der Beratung oder gar der Behandlung überhaupt etwas zu tun habe. Als ich nach dem ersten Weltkrieg zu studieren begann, war die Hochschulpsychologie weit davon entfernt, eine praktische oder gar eine beratende Seelenkunde zu entwickeln oder auch nur entwickeln zu wollen. In dieser ersten Phase ihres Bestehens war sie vollauf mit ihrer allgemeinen Forschungsaufgabe beschäftigt, mit der Beschreibung der Phänomene des Seelenlebens, ihrer Systematik und Klassifikation, so daß sie den Ruf der Lebenspraxis nach psychologischer Aufhellung überhaupt nicht vernahm oder als lästige Störung von sich wies. Die Praxis der damaligen Psychologen spielte sich in den Laboratorien ab und bestand im Experimentieren, dessen Ergebnisse wiederum der allgemeinen Forschungsaufgabe dienten. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, daß die aufblühende Psychotherapie vor diesem Forum damals keine Gnade, ja keine Beachtung fand.
Um die Zeit des ersten Weltkrieges aber änderte sich das Bild. Wie bei jeder echten Entwicklung kamen die umwandelnden Impulse zugleich von außen wie von innen. Wehrmacht, Wirtschaft, Erziehung forderten die Hilfe der Psychologie in bezug auf die Erkenntnis des Individuums, seiner Entwicklung und seiner Auslese. Das Schwergewicht der Psychologie verlagerte sich immer mehr von der Grundlagenforschung auf die Diagnostik des Individuums. Das Aufkommen der Charakterologie brachte der Psychologie nicht nur eine bedeutende Erweiterung ihres Aufgabenfeldes, viel wichtiger war die damit verbundene m