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Was die Schriften Erich Neumanns auszeichnet, ist der Mut, mit dem dieser Autor die ethischen und religiösen Konsequenzen aus der Konzeption seines Lehrers C. G. Jung zieht. Hat Jung selbst es immer wieder gescheut, sich weltanschaulich festzulegen, so tritt hingegen Neumann mit seinen Anliegen deutlich hervor. Daher das Pathos seiner Schriften, das vielfach Ärgernis erregte, daher aber auch seine besondere Klarheit und Geradlinigkeit. Gibt Neumann in seinem großen Buch „Ursprungsgeschichte des Bewußtseins“ eine umfassende Darlegung seines Systems, so in „Tiefenpsychologie und neue Ethik“ seine ethischen und nun also in dem jetzt vorliegenden Band „Kulturentwicklung und Religion“ seine religiösen Auffassungen. Diese zu referieren, soll unsere Aufgabe sein.
Es handelt sich um drei Vorträge, die von Neumann in den Jahren 1948-1950 in der Eranos-Gesellschaft gehalten wurden. Die Überschriften der Vorträge lauten: „Zur psychologischen Bedeutung des Ritus“, „Die mythische Welt und der Einzelne“, „Der mystische Mensch“. Diese Titel sind nicht zufällig. Denn Mythos, Ritus und mystische Erfahrung sind für Neumann die wesentlichen Bausteine jeder Religion. Wie werden sie von unserem Autor verstanden? Als Schüler Jungs knüpft er an dessen Archetypen-Lehre an. Sind die Archetypen die bildhaften Repräsentationen der ewigen Daseinsmächte und Daseinssituationen in der Seele, so liegt es nahe, die mythischen Welten der Primitiven als Projektionen der jeweils für sie wirksamen archetypischen Konstellationen zu begreifen. Ist nun im Mythos das Schauen des Menschen betroffen, so im Ritus sein Tun, das sich einsetzt, das archetypische Reich ins Hier und Jetzt des Erlebens hineinzuziehen und das Ich des Erlebenden zu verwandeln. Dabei ist zu bedenken, daß in beiden Fällen, beim Mythos wie beim Ritus der Frühzeit, nicht der einzelne, sondern das Kollektiv Subjekt der Erfahrung ist— dieses kollektive Ich bildet den Mythos, begeht den Ritus.
Wie fügt sich in diese Linie das mystische Erlebe