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Harry Stack Sullivan (1892-1949) war kein großer Redner und weniger noch ein großer Schreiber, dennoch gehörte er zu den einflußreichsten Erscheinungen im Prozeß der Weiterentwicklung des Freudschen Gedankengutes auf amerikanischem Boden. Neben Erich Fromm und Karen Horney vertrat er die sozialwissenschaftliche Richtung. Im Mittelpunkt seines Denkens steht das Problem des Hineinwachsens des Individuums in die spezifische Kultur, in der ihm zu leben beschieden ist. Das Hauptthema dieses Vorganges ist die sich in Kontaktbeziehungen darlebende Wechselwirkung zwischen dem Heranwachsenden und den Leitfiguren seiner Umgebung. Dieses Thema gewann in den im Jahre 1939 gehaltenen Vorlesungen erstmalig systematische Gestalt („Conceptions of modern psychiatry“, 1940); wir finden es in dem vorliegenden Werk, das posthum von den Herausgebern auf Grund der in Sprechbandaufnahmen und Vortragsnoten erhaltenen Vorlesungen aus den Jahren 1946 bis 1947 zusammengestellt wurde, in gereifter Form wieder. Der Vergleich mit den Freudschen Einführungsvorlesungen aus den Jahren 1915-1917 drängt sich bisweilen auf, doch war Freuds System von allem Anfang an straffer konstruiert und daher bei weitem leichter in übersichtlicher Weise darzustellen. Sullivans System besitzt einen wesentlich lockereren Aufbau. Begriffe werden eingeführt, wo immer dies ein Sachverhalt zu verlangen scheint, aber der Autor steht sichtlich nicht unter dem Zwange eines Minimalprinzips von der Art der lex parsimoniae. Auf diese Weise entsteht ein sehr reiches und zumindest für den gegenwärtigen Referenten sehr anziehendes Bild, nicht aber im strengen Sinn eine Theorie. Kommt hinzu, daß Sullivan offenbar keinen Wert darauf legte, Gesetzmäßigkeiten so zu formulieren, daß sie auf dem Wege über aus ihnen abgeleiteten Voraussagen an empirischen Befunden verifiziert oder falsifiziert werden können. Was Sullivan wohl hauptsächlich am Herzen lag, war die Schaffung von Denkmöglichkeiten bzw. von Modellen.
Die folgenden Charakteri