You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die vorliegende Schrift ist ein kasuistischer Beitrag zur Psychotherapie der Schizophrenie. Sie versucht, eine Einzelbehandlung mindestens in ihren wichtigsten Aspekten zu erfassen und darzustellen, und schließt sich in ihrer Denkrichtung an meine frühere Publikation an: „Psychotherapie einer Schizophrenen“1. Ziele, Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Versuches wurden in letzterer Schrift bereits diskutiert. Es ist mein Anliegen, durch eine Reihe solcher Einzeldarstellungen, die den Schizophreniebegriff auf die Realität der psychotherapeutischen Begegnung hin prüfen möchten, allmählich eine tiefere Einsicht in das Wesen des Leidens und dessen mitmenschliche Entstehungsbedingungen sowie in neue Behandlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Der vorläufige Verstehenshorizont, in dem diese Arbeit ihre Ortsbestimmung findet, habe ich in meiner Schrift: „Die Welt des Schizophrenen und deren psychotherapeutische Zugänglichkeit“2 abzuzeichnen versucht.
Otto Lehner — so wollen wir unseren Patienten nennen — wurde am 6. Dezember 1953 in die psychiatrische Klinik eingewiesen, weil er voller wahnhafter Vorstellungen seine Frau bedrohte und verwirrt sprach. Die Psychose hatte sich 9 Wochen vor der Klinikeinweisung entwickelt. Der Kranke ging nicht mehr zur Arbeit; er hatte ohne ersichtlichen Grund seine Stelle als Portier in einem erstklassigen Hotel gekündigt; zu Hause äußerte er ängstlich Wahnideen, klagte, man wolle ihn festnehmen und umbringen, ein Mörder sei im Hotel versteckt. Er stand dann in seinen schlaflosen Nächten unter dem Einfluß von Stimmen immer wieder auf, ging an die Türe und horchte, „ob nicht jemand kommen würde“; er gestikulierte vor dem Radio in der Meinung, vor einem großen Publikum zu reden, ein Orchester zu dirigieren und von fern her Botschaften zu erhalten. In schwülstigen Worten erklärte er, Jesus Christus zu sein, er sei von Gott auf die Erde gesandt, uns Gutes zu tun. Er würgte aber seine Frau und beschuldigte sie ohne Grund, ihn sexuell zu hintergehen.