You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Der epochale Vorgang der Rezeption und Aneignung des Werkes Sigmund Freuds, der sich in den Jahrzehnten seit der Entstehung der Psychoanalyse unter jeweils wechselnden Aspekten vollzogen hat, hat in neuerer Zeit sich auch der voranalytischen Schriften Freuds — also seiner neurologischen Arbeiten — bemächtigt. Nicht selten hat ja die Jugendgeschichte eines Werkes dessen Verständnis die hellsten Lichter aufgesetzt. Gewiß — Freud selbst hat einem solchen Unternehmen die Zugangswege eher behindert als bereitet; denn auf seinen ausdrücklichen Wunsch sind die frühen neurologischen Arbeiten in die zwei, bisher vorliegenden Gesamtausgaben seiner Schriften nicht mitaufgenommen worden. Aber seit Ludwig Binswangers so eindringlich gehaltenem Hinweis auf die Aphasiestudie — es sei ohne ihre genaue Kenntnis weder ein historisches noch ein hermeneutisches Verständnis der Freudschen Lehre möglich — sind die Bemühungen um den vergessenen frühen Freud nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ich erwähne nur die Beiträge von Bernfeld und Kris in Amerika, von Stengel in London und die von mir angeregte preisgekrönte Schrift von Spehlmann.
Wenn ich nun aus dieser frühen Schaffensperiode Freuds gerade seinen Beitrag zur Gehirnpathologie zum Thema wähle, so nicht nur deshalb, weil dieser für die Entwicklung der Psychoanalyse von besonderer Tragweite geworden ist — ich erinnere an Binswangers Wort —, sondern weil er auch Wesentliches zur aktuellen Situation unserer modernen hirnpathologischen Forschung zu sagen hat.
Der Beitrag Freuds zur Gehirnpathologie ist entstanden aus einer jahrelangen intensiven Beschäftigung mit den Fragen des Gehirnbaues und der Gehirnleistungen in den Laboratorien des Physiologen Brücke und des Psychiaters Meynert in Wien sowie in der Klinik Nothnagels und Charcots. Die Ergebnisse dieser Tätigkeit sind nach einigen Vorstudien niedergelegt in der Schrift „Zur Auffassung der Aphasien“, die 1891 erschien und die der damals 35jährige Privatdozent Freud dem älteren Freunde und Me