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Das Problem der Beziehung zwischen Gesellschaftsgefüge und Neurose kann mit Hilfe der psychologischen und kulturanthropologischen Forschung der letzten Jahrzehnte weitgehend geklärt werden. Unter Gesellschaftsgefüge wollen wir das Insgesamt der charakteristischen Merkmale einer bestimmten Gesellschaft verstehen, wie etwa ihre politischen Ordnungsformen, ihre kulturellen Institutionen, ihre allgemeinverbindlichen Normen, aber auch die Technik, überhaupt alles, was wir Zivilisation nennen. Wir verwenden diesen Begriff hier analog dem amerikanischen Terminus „culture“. Nach Ruth Benedict (Patterns of Culture)2 ist culture eine Ganzheit (im Sinne der Gestaltpsychologie), die sich aus den einzelnen Merkmalen (traits) der jeweiligen Gesellschaft zusammensetzt. Die Wissenschaft der cultural anthropology, die nicht mit der Anthropologie im Sinne der deutschen Wissenschaft verwechselt werden darf, entstand in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg. Sie vergleicht Kulturen verschiedener Art miteinander. Der besseren Überschaubarkeit halber hat sie sich vor allem mit einfachen, sogenannten „primitiven“ Kulturen beschäftigt. Sie fand dabei folgendes:
Das jeweilige Gesellschaftsgefüge (culture) bestimmt weitgehend die Entwicklung und Ausprägung der in ihr lebenden Persönlichkeit. Je nach den Wertschätzungen, Verhaltensnormen und Erziehungsweisen der Gesellschaft, urteilen, werten und handeln die in ihr lebenden Individuen in wesentlichen Grundzügen alle gleich. So ergeben sich gemeinsame Grundzüge des Charakters, über denen sich erst die individuellen Unterschiede ausprägen. Erich Fromm3 nennt diese gemeinsame Grundstruktur innerhalb eines Volkes den „social character“ und Abraham Kardiner4 „basic personality structure“.
Niederschrift eines Vortrages in der RIAS Funk-Universität am 23. November 1954. Für Mitarbeit an diesem Vortrage bin ich Herrn Dipl.-Psych. Klaus Eyferth zu Dank verpflichtet.
: Kulturen primitiver Völker ( deutsche Ausgabe). Stuttgart, 1953.
Niederschrift eines Vortrages in der RIAS Funk-Universität am 23. November 1954. Für Mitarbeit an diesem Vortrage bin ich Herrn Dipl.-Psych. Klaus Eyferth zu Dank verpflichtet.
: Kulturen primitiver Völker ( deutsche Ausgabe). Stuttgart, 1953.